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Ein Liebesroman aus Israel – Fragen an Anat Talshir

Anat Talshir, Über uns die Nacht

Anat Talshir reist aus Israel nach Deutschland, um auf der Leizpiger Buchmesse ihren Liebesroman Über uns die Nacht vorzustellen. Wir haben vorab mit der Autorin gesprochen und ihr ein paar Fragen zu ihrem Buch gestellt.

Sie sind Journalistin – warum haben Sie sich entschieden, einen Roman zu schreiben?

Es war weniger eine bewusste Entscheidung als vielmehr ein Bedürfnis. Mein Beruf ist Journalistin, aber tief drinnen bin ich Schriftstellerin. Ich habe lange darauf gewartet, diese Geschichte zu schreiben. Sie spielt zu einer Zeit, die für das moderne Israel sehr dramatisch war, deshalb musste ich sorgfältig recherchieren – nicht nur um alle Details richtig zu beschreiben, sondern um die Zeit überhaupt erst einmal zu verstehen.

Worum geht es in Ihrem Roman?

Ich erzähle eine Liebesgeschichte inmitten historischer Ereignisse, die viel Leid und Schmerz verursacht haben. Alle, die diese Zeit miterlebten, mussten einen hohen Preis bezahlen – Araber genauso wie Juden. In meinem Roman geht es um ein Paar, das sich sehr liebt und versucht, sich von nationalen und kulturellen Identitäten zu lösen, dem kollektiven Schicksal zu entgehen. Das Schicksal entscheidet letztendlich, ob ihre Liebe noch eine Chance bekommt, denn Lila und Elias werden durch den Krieg von 1948 getrennt. Erst neunzehn Jahre später, nach dem Sechstagekrieg 1967, finden sie wieder zusammen. Der Krieg hat sie entzweit, doch der Krieg führt sie auch wieder zusammen.

Welche Bedeutung hat der Schauplatz Jerusalem für Sie?

Ich wurde in Jerusalem geboren und wuchs dort auch auf. Mit zwanzig Jahren verabschiedete ich mich von der Stadt meiner Jugend und zog nach Tel Aviv. Ich war überzeugt, damit auch meine Vergangenheit zurückgelassen zu haben. Aber mit den Jahren begriff ich, dass man die Vergangenheit immer mit sich trägt, wohin man auch geht. Aus der Distanz konnte ich die Schönheit Jerusalems und auch den Schmerz viel deutlicher sehen. Manchmal hatte ich Sehnsucht nach dieser außergewöhnlichen Stadt. Als dieses Gefühl stärker wurde, beschloss ich, dass es an der Zeit war, darüber zu schreiben. Also nahm ich mir eine Auszeit von meinem Beruf, suchte mir ein kleines Büro in der Altstadt von Jaffa und begann, diese Geschichte zu schreiben.

Hätten sich Lila und Elias auch in einer anderen Stadt begegnen können?

Die kulturellen und historischen Aspekte verwurzeln Lila und Elias tief in Jerusalem, die Geschichte ihrer Liebe könnte aber überall so erzählt werden. Nach der Veröffentlichung meines Romans bekam ich viele Leserbriefe. Eine konfessionslose junge Frau schrieb mir von ihrer Liebe zu einem religiösen Mann, von dem sie sich wegen seines Glaubens trennen musste. Ein anderer Brief kam von einem Paar um die sechzig. Als sie jung waren, verliebten sie sich ineinander, doch er stammt aus einer angesehenen aschkenasischen Familie, während sie eine Nachfahrin sephardischer Juden ist. Seine Familie stellte sich gegen die Verbindung und zwang ihn, eine andere Frau zu heiraten. Erst als seine Kinder erwachsen waren, ließ er sich wieder scheiden und machte sich auf die Suche nach seiner Jugendliebe, die ihn trotz ihrer eigenen Ehe und Familie nie vergessen hatte. Heute, nach all den Jahren der Trennung, leben sie glücklich zusammen.

Gibt es Vorbilder für Lila und Elias?

Als ich ein kleines Mädchen war, kam oft eine Freundin meiner Mutter zu Besuch. Sie war geheimnisvoll und sehr schön, und jeder fragte sich, warum sie allein war. Viele Männer machten ihr Anträge, immer lehnte sie ab. Nach dem Krieg von 1967, als Jerusalem wiedervereinigt wurde, traf sie sich mit einem arabischen Mann, der auf der anderen Seite der Mauer lebte. Nach und nach erfuhr ich die ganze Geschichte ihrer heimlichen Liebe. Diese Frau starb allein und ohne Kinder, und ich habe Über uns die Nacht in gewisser Weise auch im Gedenken an sie geschrieben.

Lila ist eine sehr starke Frau. Woher bekommt sie ihre Stärke?

Lilas Kindheit war nicht einfach. Ihre Familie verließ die Türkei, wo sie geboren wurde, ging nach Israel und lebte in Armut. Noch in ihrer Jugend verlor sie beide Eltern und musste arbeiten, um sich selbst zu versorgen. Diese Erfahrungen haben sie sicherlich geprägt, wichtig ist aber auch ihr großer Glaube an das Leben und die Liebe.

Was findet Lila an Elias so anziehend?

Alles. Sein Lachen, seine Stimme, seine Hände, seinen Charme und seine Manieren, seine Klugheit, vor allem aber die Art, wie er sie ansieht.

Welche Rolle spielt Nomi in Ihrem Roman?

Nomi hütet Lilas und Elias‘ Geheimnis und geht zwischen den Welten hin und her. Sie ist der Kontakt der Liebenden zur Außenwelt und das Kind, das sie nie hatten. Durch sie bekommen wir eine weitere, ganz besondere Perspektive auf die Geschichte. Nomi und ich sind uns sehr ähnlich. Sie ist ein einsames Mädchen mit schlechten Augen, und trotzdem sieht sie alles. Die Liebe zwischen Lila und Elias ist aufregend und wichtig für Nomi. Niemand sonst in ihrem Umfeld lebt ihr so viel Wärme, Ehrlichkeit und Nähe vor. Und Nomi versteht, dass sie großes Glück hatte, trotz ihrer schwierigen Herkunft dieser Liebe zu begegnen.

Verraten Sie uns Ihre Lieblingsschriftsteller?

Gabriel Garcia Marquez und Natalia Ginzburg. Und aus Israel: David Vogel, Meir Shalev, Elli Amir und Zeruya Shalev.
Die Termine für die Lesungen mit Anat Talshir findet ihr hier.

 

 

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