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Der Duft der Liebe

Ambra ist selten, so kostbar wie Gold und es verleiht Parfüms das gewisse Etwas. Doch darüber mag in der Branche kaum jemand sprechen. In ihrem neuen Roman „Möwenherz“ befasst sich Karen Bojsen mit dem geheimnisvollen Stoff aus dem Verdauungstrakt der Pottwale.

Chanel No. 5 soll es enthalten und Davidoff’s legendärer Herrenduft Cool Water ebenso. Doch darüber mag heutzutage niemand mehr sprechen, denn die sinnlich duftende Essenz stammt – ausgerechnet – aus dem Enddarm der Pottwale.

Ambra ist das wohl kurioseste Zufallsprodukt der Ozeane. Pottwale fressen Unmengen an Tintenfischen, im Walmagen werden deren scharfkantige Schnäbel von Körpersäften zu einer öligen Masse verklumpt. Ab und zu spucken die Wale diese unverdaulichen Brocken aus. Doch bei etwa einem Prozent der Pottwale funktioniert das Herauswürgen aufgrund einer Anomalie des Verdauungstraktes nicht. Bei diesen Tieren müssen die Bröckchen durch den Enddarm wandern, bis sie schließlich als wachsartige Klumpen ausgeschieden werden. Erst jetzt spricht man von Ambra, wie ein Korken treibt sie an die Meeresoberfläche. Damit sich die frischen, stinkenden Klumpen in wohlriechende Ambra verwandeln, braucht es Zeit. Wie ein guter Wein muss Ambra reifen. Je länger die Brocken mit Sonne, Luft und Salzwasser reagieren, desto besser ist die Qualität. Mit den Jahren auf See wird aus einem pechschwarzen, klebrigen Brocken ein harziger, weiß-gräulicher, leichter Schatz – einer der teuersten Duftstoffe der Welt.

200.000 Euro für gute Qualität

Die meisten Ambrabrocken landen dank der pazifischen Strömung irgendwann an der Küste von Neuseeland. Strandgutsammeln gilt dort als Volkssport und überall wird nach Ambra gesucht. Es gibt Gelegenheitssammler, die sich mit der Suche nach den kostbaren, etwa Golfball großen Brocken 10.000 bis 20.000 Euro im Jahr dazuverdienen. Und es gibt die Profis, die nichts anderes tun und sich mit der Suche ihren Lebensunterhalt verdienen. Bis zu 200.000 Euro bringt ein größerer Klumpen von guter Qualität ein. Sehr gute Ambra war 30 bis 40 Jahre im Meer, ist weiß und oval geformt. Sie duftet salzig-hell und leicht süß nach Vanille oder Zimt.

Ambra wird in den Nahen Osten verkauft, nach Indien und China, in die USA und nach Europa. Auch in Grasse an der Cote d’Azur, wo die ältesten Parfümhäuser der Welt sitzen, wird gekauft – über Mittelsmänner. Denn obwohl der Handel mit Ambra  in den meisten Ländern einschließlich der EU erlaubt ist, will die Parfümindustrie offiziell nichts mit den Pottwalprodukten zu tun haben. Im Parfümregal ist alles glänzend-edel und schön, wer mag da schon an die Ausscheidungen eines Wals denken?

Doch Kenner schwärmen: Ambra erinnere an den zarten Duft des menschlichen Körpers, heißt es. Ihr Aroma wird mit „dunkel“, „animalisch“ und „warm“ beschrieben, Ambra sei das i-Tüpfelchen einer Duftkreation, sie ließe jeden anderen Rohstoff darin stärker, reicher, intensiver erscheinen. „Ambra gehört zum Trio Infernal, zu den teuflischen Drei unter den Parfümrohstoffen“, heißt es in einem Beitrag zum Thema in der Zeitschrift Mare. „Moschus, das Brunftsekret des Moschushirschen; Zibet, die fäkalisch-saure Absonderung der Analdrüse der afrikanischen Schleichkatze; und Ambra, das ganze spezielle Walexkrement.“ Alle drei kämen aus der Tiefe, aus den Gedärmen und Harnröhren, und alle zielten am Verstand vorbei, direkt ins Unbewusste.

Sinnlichkeit und dunkles Geheimnis

Inzwischen kann die Parfümindustrie die meisten natürlichen Aromen künstlich nachbilden. Auch den Hauptbestandteil der Ambra, das Molekül Ambroxan, gibt es längst in synthetischer Form. Es ist günstiger und verlässlich herzzustellen, reicht aber in seiner Intensität nicht an das Original heran. Wohl auch deshalb wird die echte Ambra immer noch verwendet, anders lassen sich die steigenden Preise auf dem Weltmarkt nicht erklären. Es gibt einige Parfümeure, die zugeben, den Walextrakt zu verwenden. Der britische Luxusparfümeur Roja Dove tut es. Er kreiere Düfte, „die unsere Gefühle verzaubern und heimlich unsere Sinne verfolgen. Parfüms, die die Herzen erobern sollen, die hoffentlich geliebt werden und an die man sich noch lange erinnern wird.“ Eine seiner edlen Kreationen heißt Profumi d’ Amore. Es scheint, dass der Duft der Liebe Sinnlichkeit und dunkles Geheimnis in sich vereint.

Von Karen Bojsen