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„Elbe aufwärts“ – Janna Hagedorn über ihr neues Buch und das wunderbare Wendland

„Wir können nur weitergehen, wenn wir wissen, wo wir herkommen“

Janna Hagedorns dritter Roman „Elbe aufwärts“ handelt vom Neuanfang einer glamourösen Chefredakteurin als Restaurantbesitzerin im Wendland – klar, dass das nicht ohne Stolpern über die Bühne geht. Wir haben mit der Autorin gesprochen.

Die Heldin Ihres neuesten Buches ist 45, lebt in Hamburg, arbeitet bei einer Lifestylezeitschrift und lernt dann durch einen Zufall das Wendland kennen und lieben. Wenn man sich Ihre Biographie anschaut, fragt man sich schon: Wie viel Harmony Schlüter-Hansen steckt in Janna Hagedorn?

Ganz ehrlich, nur ein klitzekleines bisschen – auch wenn es nach mehr aussieht. Harmony und ich haben den Geburtsjahrgang gemeinsam und ich bin ebenfalls im Bereich Frauen- und Lifestylemedien als Journalistin unterwegs, das war’s dann aber auch. Ich wohne nicht in Eppendorf, sondern in Ottensen, mein Mann hat kein einziges Tattoo, und mit einem Porsche Cayenne könnte ich niemals einparken. Dafür war meine erste Begegnung mit dem Wendland ganz ähnlich wie in dieser Geschichte: Eigentlich wollte ich mit meiner Familie Urlaub am Meer machen, aber es gab nur dort im östlichen Niedersachsen noch ein freies Quartier. Seit einigen Jahren bin ich ein großer Wendland-Fan, wir haben uns sogar einen kleinen Wochenend-Bungalow gekauft.

Die typische Land-Sehnsucht der Großstädter?

Schon. Ich genieße es, in Hamburg mittendrin zu leben, brauche den Trubel, die Menschen, die Möglichkeiten, auch wenn ich sie gar nicht immer nutze. Aber erst seitdem ich dieses Kontrastprogramm habe, etwa 100 Kilometer elbaufwärts, diese totale Ruhe, bin ich wirklich bei mir.

Ihre Heldin kommt mit einer reichlich großspurigen Haltung in ihrer neuen Heimat an: Sie will dort ein Feinschmeckerrestaurant eröffnen und glaubt, dass die Welt dringend auf sie gewartet hat. Ein Fehler, oder?

Ja, klar. Denn auch wenn sie nicht weit weg ist von Hamburg, landet sie doch in einer ganz anderen Welt. Dabei geht es mir überhaupt nicht darum, die eine gegen die andere auszuspielen, ich kenne und liebe ja selbst beide Welten. Aber es ist interessant und oft auch komisch, wenn Menschen mit doch sehr unterschiedlichen Gewohnheiten aufeinanderprallen. Das fängt schon bei der Frage an, um welche Uhrzeit man abends in ein Restaurant geht – wenn überhaupt – ,und ob das, was Hamburger unter Landhausstil verstehen, irgend etwas mit dem realen Landleben zu tun hat.

Städterin kommt aufs Land oder umgekehrt – das ist ja nun erstmal keine neue Idee für eine Geschichte.

Nein, aber was mich am Wendland persönlich so reizt, sind die Kontraste – auf der einen Seite sehr bodenständige, naturverbundene Menschen, auf der anderen Seite auch eine Menge sehr spezielle Persönlichkeiten, Esoteriker, Künstler, politische Aktive, die im Zuge des Anti-Atom-Protestes von Gorleben im Lauf der letzten Jahrzehnte dort gelandet sind. Das ist eine Steilvorlage – auch wenn die einzelnen Personen aus dem Roman, vom iPad-süchtigen Sohn des Schützenkönigs bis zum empfindsamen Kunst-Töpfer, allesamt frei erfunden sind. Wirft man dann noch eine etwas überspannte Medien-Diva zu dieser Mischung hinzu, hat man einfach einen wunderbaren Romanstoff.

Eine ganz besonders Figur in Ihrem Roman ist Wiebke, eine junge Frau mit Down-Syndrom, die in Harmonys Koch verliebt ist und deshalb bald Teil ihres Lebens wird. Was bedeutet sie für Harmony?

Wiebke ist einer meiner allerliebsten Romanfiguren, weil sie so ein schöner Gegenentwurf zu meiner Heldin ist, die ja erstmal keinen besonders guten Zugang zu ihren Gefühlen und zu ihrer weichen Seite hat. Diese ganze Selbstironie, diese emotionale Hintertür, die Harmony sich immer offen hält – die kennt Wiebke nicht, die ist absolut aufrichtig und ehrlich in dem was sie empfindet, ohne jede Berechnung. Davon kann sich Harmony eine dicke Scheibe abschneiden, und Gottseidank merkt sie das auch.

 Die eigene Vergangenheit, die eigene Kindheit und ihre Erfahrungen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in Ihrem Roman, sowohl bei Harmony als auch bei Paul, der männlichen Hauptfigur. Ist Mitte, Ende 40 nicht ein bisschen spät im Leben, mit der eigenen Vergangenheit abzuschließen?

Ich weiß nicht, ich glaube, gerade die mittleren Jahre sind eine gute Gelegenheit, sich nochmal auf seine eigene Herkunft zu besinnen, um besser zu verstehen, wer man ist. Nicht nur im Sinne eines nostalgischen Rückblicks. Ich würde sagen: Wir können nur weitergehen im Leben, wenn wir auch wissen, wo wir herkommen.

Ihre Heldin träumt zwar von einem Restaurant, kann aber nicht kochen. Können Sie’s?

Einigermaßen, aber leider habe ich sehr konservative Kinder, die am liebsten immerzu Hühnerbeinchen, Nudeln und Rührei haben möchten. Das ist nicht besonders anspruchsvoll. Ich fürchte, in den letzten Jahren haben wir Eltern deshalb das Kochen eher ver- als gelernt. Ich gehe aber auch gerne essen, was man im Wendland übrigens durchaus kann, und zwar sehr gut. Mein Favorit ist die „Inselküche“ in Hitzacker, die haben sehr leckere, frische, regionale Küche und dazu kann man über die Elbe schauen und träumen.

Klingt nach einem Lieblingsort im Wendland. Gibt es noch mehr?

Die Elbauen zwischen Hitzacker und Tiesmesland sind herrlich zum Spazierengehen, und in den kleinen Sandbuchten ist man selbst an schönen Sommertagen fast für sich allein. In Dannenberg mag ich die hübsche Innenstadt mit dem tollen Eiscafé, schön ist um diese Jahreszeit jetzt auch der östliche Teil des Wendlandes, wenn dort die Heide blüht. Und sehr idyllisch finde ich auch die typisch wendländischen Rundlingsdörfer, vor allem Satemin mit seiner Feldsteinkirche und dem weitläufigen Platz in der Mitte zwischen den Fachwerkhäusern.

Und was ist mit Wunnefitz, dem Dorf, in dem Ihre Heldin landet?

Da muss ich Sie leider enttäuschen: Das steht auf keiner Karte. Im Gegensatz zu einigen realen Orten, die im Buch auftauchen, gibt es das nur in meinem Kopf.

 

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