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Claire Winter „Die geliehene Schuld“

Heute erscheint Claire Winters packender Roman „Die geliehene Schuld“, der im Nachkriegsdeutschland spielt. Wir haben der Autorin Fragen gestellt und interessante Informationen zur ihrer Hintergrundrecherche erhalten. Am 07.03. findet eine Lesung in Pullach i. Isartal statt.

Darum geht es

Berlin, Sommer 1949: Die Redakteurin Vera Lessing hat während des Zweiten Weltkrieges ihre Eltern und ihren Mann verloren. Sie will vor allem eines – die traumatischen Erlebnisse für immer hinter sich lassen. Doch als ihr Jugendfreund und Kollege Jonathan auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, wird sie unweigerlich in seine Arbeit hineingezogen. Jonathan hat Recherchen über ehemalige Kriegsverbrecher betrieben. Gleichzeitig stand er im persönlichen Kontakt mit einer jungen Frau namens Marie Weißenburg, eine Sekretärin im Stab Konrad Adenauers. Vera geht den Spuren nach, die sie bis in die mächtigen Kreise der Geheimdienste führen.

Claire Winter

© Michael Scheel

Die geliehene Schuld spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Was hat Sie gerade an dieser Zeit fasziniert?

Ich fand die Gründungsjahre der Bundesrepublik schon immer hochinteressant. Die sogenannte Stunde Null war ja eine Zeit, in der es den Anschein hatte, als würde alles neu und von vorn anfangen können. Aber natürlich haben die Menschen das, was sie in der Vergangenheit erlebt, erlitten und verbrochen hatten, in diesen Neubeginn mitgenommen. Vielleicht gab es deshalb dieses Tabu, nicht zu erwähnen, was unter Hitler passiert und geschehen ist.

Im Roman bricht Marie, eine junge Sekretärin im Stab von Adenauer, genau damit. Sie beginnt, Fragen über ihren verstorbenen Vater zu stellen, aber zu Hause stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Schließlich bittet Marie den Journalisten Jonathan Jacobsen um Hilfe, ohne zu ahnen, in welche Gefahr sie beide dadurch geraten …

Die Nachkriegszeit war aber auch eine Zeit, die auf jeder Ebene von Extremen und Gegensätzen geprägt war. Die Städte waren zerstört, es gab Millionen von Flüchtlingen, unzählige Vermisste, und es mangelte an Wohnraum, Essen, Kleidung, an einfach allem, sodass man ständig gezwungen war, sich anderweitig zu behelfen. Selbst bei den Straßenschildern

…Inwieweit hat die Vergangenheit auch die Figuren im Roman geprägt?

Die Vergangenheit hat jeden einzelnen der Charaktere gezeichnet. Auch wenn sie alle den Traum von einer Zukunft haben, tragen sie diese Jahre des Schreckens in sich. Aber sie gehen auf völlig unterschiedliche Art damit um: Jonathan glaubt als Journalist daran, dass man das Vergangene aufarbeiten und für Gerechtigkeit sorgen muss. Seine Jugendfreundin Vera will wiederum einfach nur vergessen und einen Neuanfang. Lina, die fast ihre gesamte Familie im Holocaust verloren hat, kehrt trotzdem nach Deutschland zurück, weil das Land innerlich immer ihre Heimat geblieben ist. Ihr Bruder Eric dagegen wollte als amerikanischer Offizier eigentlich nie wieder einen Fuß über die deutsche Grenze setzen. Am Ende wird er aber durch die Geschehnisse, in die seine Schwester verwickelt ist, dazu gezwungen. Am wenigsten haben die Kriegsjahre sicherlich Marie gezeichnet. Sie ist die jüngste der Romanfiguren, und ihre Familie musste im Dritten Reich keine Repressalien erleiden. Ihre Suche nach der Wahrheit ist anfangs mit einer gewissen Naivität verbunden, aber auch sie muss sich der Vergangenheit stellen.

Gab es eine besondere Inspiration für Ihren Roman?

Ja, gleich mehrere. Während der Arbeit an meinem letzten Roman führte mich die Recherche zu der Frage, was aus den vielen überzeugten Nationalsozialisten geworden ist, die für das Reichssicherheitshauptamt gearbeitet haben. Dabei bin ich dann auf die Organisation Gehlen gestoßen, die ja die Vorläuferorganisation des späteren BND war. Diese Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen. Darüber hinaus inspirierte mich ein Zeitzeugendokument in einer Ausstellung. Es war ein Video, in dem eine Frau, deren Familie durch die Nazis umgekommen war, von der Freundschaft zu einer anderen Frau erzählte, deren Eltern Täter waren. Die beiden jungen Frauen hatten sich bei einem der Kriegsverbrecherprozesse in der Nachkriegszeit kennengelernt. Zwischen ihnen entstand eine enge und lebenslange Freundschaft. Die Geschichte der beiden hat mich so berührt, dass daraus im Roman die Freundschaft von Marie und Lina wurde. Die Verbundenheit der beiden trotz ihrer so gegensätzlichen Herkunft ist in der Folge von entscheidender Bedeutung für die Geschehnisse im Roman.

Die Organisation Gehlen und damit Reinhard Gehlen hat es wirklich gegeben. Ist es eine besondere Herausforderung, solche historischen Ereignisse mit der fiktiven Handlung eines Romans zu verknüpfen?

Ja, auf jeden Fall, aber auch ungemein spannend. Es ist mir grundsätzlich sehr wichtig, den historischen Fakten gerecht zu werden, sie also nicht zu verfälschen, auch wenn sie in eine fiktive Handlung integriert werden. Wobei ein Roman natürlich immer eine Interpretation bleibt. Deshalb recherchiere ich für zumeine Bücher stets lange und intensiv. Ich mag diese Phase der Arbeit sehr, weil dabei die innere Welt des Romans entsteht, in der die Figuren später agieren werden. Dabei bekomme ich auch ein Gefühl für die Zeit, dafür, wie es wohl war, in jenen Jahren gelebt zu haben. Oft entwickelt sich die Handlung parallel dazu wie von allein weiter. Manchmal gibt es beim Recherchieren dann Momente, in denen ich innehalte und denke: Wow, das ist unglaublich, was damals geschehen ist. So ging es mir auch mit Reinhard Gehlen, der für den historischen Hintergrund von Die geliehene Schuld eine wichtige Rolle spielt. Die Lebensgeschichte dieses Mannes liest sich so, als würde sie bereits einem Roman entstammen: Ein Generalmajor, der unter Hitler die Spionageabteilung Fremde Heere Ost leitet, der später als Kriegsverbrecher gesucht wird, sich den Amerikanern andient und dessen Pläne dann nicht nur aufgehen, sondern der es Jahre später tatsächlich schafft, der erste Präsident des Bundesnachrichtendienstes zu werden. Alles, was ihn und seine Organisation umgibt und was man über sie in Erfahrung bringt, ist von einer so ungeheuer konspirativen Atmosphäre erfüllt – selbst die Fotos, auf denen Gehlen sich in späteren Jahren gern mit Hut und dunkler Sonnenbrille ablichten ließ. Das hat es mir am Ende für den Roman auch sehr leicht gemacht, die Ebenen zwischen den historischen Fakten und Fiktivem zu verbinden.

Maries Nachforschungen über ihren Vater führen am Ende auf eine größere internationale Ebene, in die auch die Geheimdienste verwickelt sind. Was hat Sie daran gereizt, die Machenschaften der Spione im Roman zu verarbeiten?

Die Neuformierung der Geheimdienste nach Kriegsende hängt natürlich eng mit der eigentlichen Handlung des Romans zusammen. Ich fand es wirklich erzählenswert, zu schildern, wie tief nicht nur Organisationen des Vatikans und des Internationalen Roten Kreuzes, sondern ebenso die Geheimdienste der Alliierten in die Flucht von Kriegsverbrechern verwickelt waren. Es hat in dieser unmittelbaren Nachkriegszeit so viele unterschiedliche »Wirklichkeiten« gegeben. Vielen Menschen ging es unendlich schlecht, aber es gab eben auch die, die sich von Anfang an gewieft durchzuschlagen und die Umbruchszeit und unterschiedlichen politischen Interessen zu ihren Gunsten zu nutzen wussten. Dabei hat eine Figur wie die von Reinhard Gehlen gleichermaßen etwas Abstoßendes wie auch Faszinierendes, finde ich. Wohlgemerkt im negativen Sinne. Es ist einfach unglaublich, mit welcher Kaltblütigkeit er bereits während des Krieges Pläne für die Zeit danach gemacht hat und wie berechnend und zielstrebig er seine Karriere dann fortsetzen konnte. Er und seine Getreuen haben hinter den Mauern von Pullach ein Leben wie in einem Paralleluniversum geführt.

Sie leben in Berlin. Würden Sie sagen, dass die Stadt einen Einfluss auf den Roman gehabt hat?

Ja, ganz bestimmt. Noch vor zehn, fünfzehn Jahren konnte man oft noch an vielen Häusern Einschusslöcher in den Fassaden sehen. Das war so normal wie die Mauer, die einmal mitten durch die Stadt ging. Und wenn man genau hinschaut, kann man die Löcher hin und wieder jetzt noch entdecken. Die Geschichte vom Dritten Reich bis zum Kalten Krieg ist an vielen Ecken nach wie vor spürbar. Das ist einfach ein Stück von Berlin, und obwohl ich hier lebe, entdecke ich immer wieder etwas Neues. Gerade in den letzten Jahren hat die Stadt viel von ihrer Historie aufgearbeitet. Nicht nur in Museen und Ausstellungen, sondern auch durch die zahlreichen wichtigen Erinnerungs- und Gedenkstätten. Diese Orte sind für mich als Autorin immer wieder Quellen, an denen ich meine Recherchen vertiefen kann und die mich auch beim Schreiben inspirieren. Englische Freunde haben mir einmal gesagt, dass sie diesen Umgang mit der Vergangenheit hier in Berlin sehr einzigartig und besonders finden. Das hat mich sehr gefreut.

Wie recherchieren Sie, um in eine neue Zeit und Geschichte hineinzukommen?

Am Anfang lese ich vor allem viel – nicht nur geschichtliche Bücher über die Zeit, sondern vor allem auch Biografien, Lebensberichte und Briefe. Durch diese persönlichen Dokumente bekomme ich am besten einen emotionalen Zugang zu den Menschen, die in dieser Zeit gelebt haben. Fotografien und Bildbände vermitteln mir ebenfalls einen wichtigen Eindruck. Für Die geliehene Schuld habe ich aber auch sehr viel im Internet recherchiert. Es gibt inzwischen unglaublich tolle Websites mit Datenbanken, in denen man auch zahlreiche Interviews von Zeitzeugen und Filmausschnitte der damaligen Nachrichten findet. Ich musste fast schon aufpassen, in den Recherchen nicht verloren zu gehen, weil es so viele spannende Dokumente gibt. Außerdem gehe ich in Museen, Ausstellungen und nutze die dortigen Quellen, gleichzeitig treibt es mich immer wieder nach draußen. Ich brauche ein Gefühl für die Orte, an denen der Roman spielt, ich reise dorthin und spreche mit den Menschen. Meistens kommen mir dabei auch die besten Ideen, die sich dann wie von allein zu einer Handlung zusammenfügen …

Gibt es schon Pläne für ein nächstes Projekt?

Ja, ich habe eigentlich immer sehr schnell neue Ideen für Geschichten im Kopf. Oft entsteht ein erstes Fragment schon, während ich noch an dem aktuellen Projekt arbeite. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass man beim Schreiben und Recherchieren so oft auf andere spannende Personen und Begebenheiten stößt. Auf diese Weise bin ich auch neugierig auf die Zeit geworden, die sich an Die geliehene Schuld anschließt. Mich interessiert unweigerlich die Generation, die folgt, und mich beschäftigt die Frage, welche Konsequenzen aus den historischen Ereignissen wohl für die Menschen später entstanden sind. So ist es auch zu meiner Idee für das nächste Projekt gekommen. Es wird deshalb in die 50er- und 60er-Jahre führen, in die aufregende Zeit des Kalten Krieges.

Vielen Dank, liebe Claire Winter!

Winter: Die geliehene Schuld

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