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Freitagstipp: »Die dunklen Mauern von Willard State«

Piper Ellen Marie Wiseman die dunklen mauern von willard state

Der Debütroman von Ellen Marie Wiseman handelt von einer dunklen Seite der amerikanischen Geschichte und ist dennoch voller Liebe und Hoffnung, sodass man die letzte Seite mit einem zufriedenen Seufzer umschlägt. Mein herbstlicher Freitagstipp, aber kein reines Wohlfühlbuch. 

Und worum geht’s?

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen. 1995 hat Isabelle, genannt Izzy, eine unvorstellbare Tragödie erlebt. Ihre Mutter ermordete ihren Vater im Schlaf, als Izzy gerade sieben Jahre alt war. Seitdem ist ihre Mutter in der geschlossenen Psychiatrie. Unsere Heldin musste ohne ihre Eltern großwerden, wurde von einer Pflegefamilie zur nächsten geschoben, hat keine Freunde und ist generell eine gezeichnete junge Frau. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag scheint sich ihr Glück jedoch zu drehen, als bei einer neuen Pflegemutter untergebracht wird. Peg erinnert an einen Sechzigerjahrehippie mit Latzhose, geblümter Bluse und wilden Locken. Sie ist image (2)die Kuratorin eines Museums und hat Izzy gebeten, sie zu der alten Psychiatrie Willard State zu begleiten, um noch einmal durch die Räume zu gehen, bevor die Gebäude abgerissen werden. Peg plant eine Ausstellung über die Geschichte der Psychiatrie und hofft, etwas lohnenswertes zu finden. Und das tun sie auch! Über 400 Koffer entdecken sie auf dem Dachboden – alle gefüllt mit den Habseligkeiten ehemaliger Patienten. Izzy fällt es nicht leicht, in Willard State zu sein, weil die Erinnerungen an ihre Mutter sie schmerzen.

Es ist nur eine Aufgabe, redete sie sich ein. Das hat nichts mit mir oder meiner Mutter zu tun. Außerdem ist es an der Zeit, kindische Ängste zu überwinden.

Zudem hat Izzy Schwierigkeiten, in der Schule Anschluss zu finden, doch sie will Peg helfen und verbringt viele Stunden damit, die Inhalte der Koffer zu katalogisieren. Dabei stößt sie auf das Tagebuch von Clara, die 1929 in die Williard Psychiatrie eingeliefert wurde. Das Schicksal von Clara berührt Izzy so sehr, dass sie weiter recherchieren.

Claras Schicksal ist noch viel schrecklicher und vor allem soooo ungerecht, dass es schwer erträglich ist. Die 18jährige Clara lebt in den 30er Jahren in New York, kommt aus einem guten Haus und soll eine vorteilhafte Heirat eingehen. Als sie sich weigert, weil sie bereits den perfekten, allerdings nicht standesgemäßen Mann gefunden hat, schickt sie ihr Vater in eine Nervenheilanstalt nach Long Island. Fern von ihrem Geliebten und derart Verraten von ihren eigenen Eltern fällt es Clara schwer, nicht wirklich verrückt zu werden. Die Schilderungen der Behandlungsmethoden sind haarsträubend (!), aber Clara gibt nicht auf und hält jahrelang an ihrer Liebe zu Bruno fest, bis sie sich im Willard State schließlich wieder treffen …

Je mehr Izzy durch die Tagebücher von Claras Schicksal erfährt, desto mehr holt sie ihre eigene Vergangenheit ein und die Rätsel ihrer tragischen Geschichte klären sich auf.

Die Inspiration zu ihrem Roman kam Ellen Marie Wiseman als sie ein Buch über zurückgelassene Koffer der Patienten des Willard State Hospitals las. Genau diese Koffer sind auch Anstoß für Lizzy, sich mit den Leben der ehemaligen Patienten auseinanderzusetzen und ich finde diese Idee sehr originell und gut gelungen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich einen Koffer im Urlaub verliere (oder beim Umzug) und jemand ihn samt Inhalt findet … da wird mir ganz anders.

Piper Ellen Marie Wiseman die dunklen mauern von willard statePiper Ellen Marie Wiseman die dunklen mauern von willard state

Die Geschichten, die Wiseman aus dieser Idee erspinnt, sind überaus dramatisch und mitreißend. Mich persönlich hat das Schicksal von Clara und Bruno am meisten berührt – mein Gott! Mein Herz hat sich ja kaum noch beruhigt! Beide Protagonistinnen lassen sich nicht unterkriegen und sind sehr leidenschaftlich, was mir gut gefallen hat. Teilweise ist die Geschichte aber recht hart und grausam, sodass man manche Passagen lieber überlesen würde (macht es nicht!).  Wer also schwache Nerven hat und ein Wohlfühlbuch sucht, ist nicht so gut bedient. Für historisch und psychologisch interessierte Leser würde ich aber eine klare Empfehlung aussprechen.

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