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Freitagstipp: Die Schlange von Essex von Sarah Parry

Die Schlange von Essex war der Überraschungserfolg in Großbritannien. Nun ist Sarah Perrys historischer Roman auch in Deutschland erschienen. 

1893 London: Cora Seaborne hat gerade ihren Ehemann verloren. Doch was zunächst tragisch klingt, ist ein Befreiungsschlag für Cora. Endlich kann sie ihre lieblose Ehe und London hinter sich lassen. Gemeinsam mit Martha, ihrer Vertrauten, und Francis, ihrem Sohn, beschließt sie, nach Aldwinter zu reisen. In dem Küstenort glaubt man, eine unheilbringende Schlange treibe ihr Unwesen. Doch Cora, Naturwissenschaftlerin und Verfechterin darwinistischer Theorien, glaubt stattdessen an ein Fossil, das es dort zu entdecken gilt.

In Aldwinter angekommen, wird sie dem Dorfpfarrer William Ransome vorgestellt. Die zunächst gegensätzlich erscheinenden Charaktere, die Naturwissenschaftlerin und der Gläubige, freunden sich jedoch schnell an. Vielmehr noch: Sie werden zu engen Vertrauten, die über Religion, Wissenschaft, über Mythos und Realität diskutieren und streiten. Und hierin liegt eine der Besonderheiten dieses Romans. Dualistische Weltbilder und gegensätzlich Charaktere werden einander gegenübergestellt, sie reiben sich aneinander und bilden schließlich doch eine Einheit.

Charaktere wie die sozialistische Martha, oder auch der Wissenschaftler Luke repräsentieren zwar Weltanschauungen, doch wirken sie hierdurch nie stereotyp. Immer bleiben sie auch mitfühlendende, neidende und liebende Figuren, die den Leser in ihren Bann ziehen. Vor allem Cora ist eine Protagonistin, die durch ihre Vielseitigkeit und ihre Entwicklung überzeugt. Nachdem sie London verlässt, ist es ihr endlich möglich, ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen als Ehefrau zu entfliehen und sich ihren Studien und wissenschaftlichen Schriften zuzuwenden. Dies bedeutet gleichzeitig, dass sie ihr weibliches Erscheinungsbild ablegt. Sie kleidet sich nun in Männermäntel und Herrenstiefel, was zu gleichen Teilen für Aufsehen und Bewunderung sorgt. Doch während sie ihrem Verstand folgt, lernt sie zum ersten Mal in ihrem Leben, was es heißt zu lieben.

Sarah Perrys Roman überzeugt durch aufregende Charaktere, durch historische, aber auch zeitlose Themen und nicht zuletzt durch eine bildgewaltige Sprache.

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