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Freitagstipp: Elizabeth Strout „Mit Blick aufs Meer“

Die Geschichten, die einem noch lange nach dem Lesen durch den Kopf gehen, gibt es leider viel zu selten – aber manchmal eben doch. Elizabeth Strouts episodischer Roman Mit Blick aufs Meer, für den sie 2009 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, erzählt so eine Geschichte. Auf den ersten Blick passiert nicht viel in Crosby, einer Kleinstadt in Maine, in der jeder den anderen kennt. Doch bei genauerem Hinsehen sind das Leben und das Schicksal der Menschen dort so rau und manchmal unberechenbar wie der Atlantik, der die Küsten umspült. Olive Kitteridge, ehemals Mathelehrerin, kennt die meisten Bewohner von Crosby seit ihrer Kindheit, als sie bei ihr die Schulbank drückten. Sie hat einen unerbittlichen Blick für die Fehler und Geheimnisse, die die Menschen zu verbergen suchen – und scheut sich auch nicht, diese auf brüske und oft verletzende Art aufzudecken. Freilich geht sie mit sich selbst nicht weniger hart ins Gericht und hinter ihrem groben Auftreten ist sie zutiefst empathisch und sieht auch Leid, das einem weniger aufmerksamen Beobachter leicht entgehen könnte. Olives eigenes Leben ist von Einsamkeit überschattet, nachdem ihr Mann Henry, immer still und freundlich und mit einer Engelsgeduld Olives Launen ertragend, einen Schlaganfall erleidet und ins Pflegeheim muss. Von ihrem Sohn Christopher hat Olive sich entfremdet, nachdem er nach gescheiterter Ehe nach New York gezogen ist und niemals das Haus bewohnt hat, das ihm Olive und Henry in glücklicheren Tagen gebaut und eingerichtet hatten. Und doch gibt Olive nie auf und mit einer Mischung aus Pragmatismus und Fatalismus macht sie das Beste aus ihrem und dem Leben ihrer Mitmenschen – soweit es in ihrer Macht steht.

Der Roman und vor allem seine starrsinnige, lebenskluge Heldin haben mich sehr berührt; der einzige Wermutstropfen: Die großartige Frances McDormand, die in der HBO-Miniserie Olive Kitteridge Strouts Heldin so kongenial verkörpert, stand mir beim Lesen immer vor Augen (ich hatten den Fehler begangen, zuerst die Miniserie zu sehen) und gefiel mir manches Mal sogar besser als ihre Romanvorlage …

Von Patricia  

1 Kommentare

  1. Katharina Schneider sagt

    wer die Serie „Mord ist ihr Hobby“ kennt … sollte auch den Ort Maine kennen… erinnert mich das hier geschriebene sehr daran

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