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Freitagstipp: Ian McEwan, Kindeswohl

Ian McEwan, Kindeswohl

Unser Freitagstipp heute kommt von unserer Kollegin Doris – wir freuen uns sehr über den Gastbeitrag und wünschen Euch viel Spaß beim Lesen!

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber Romanen mit lediglich 200 Seiten begegne ich von Haus aus mit gesundem Misstrauen. Wie kann man auf so kurzer Strecke eine Geschichte erzählen, die der Leser nicht mehr vergisst? Andererseits sind es oft genau diese schmalen Bücher, die vielleicht mein Leben nicht verändert, mich jedoch Jahrzehnte lang begleiteten. Deshalb war die Spannung groß, als ich Ian McEwans aktuellen Roman Kindeswohl unter dem Weihnachtsbaum fand.

Fiona Maye führt ein erfülltes Leben. Mit ihrer Gewissenhaftigkeit und ihrer kühlen Rationalität hat sie es als Familienrichterin am High Court in London zu einigem Ansehen gebracht. Zu ihrem Berufsalltag gehört es, über Schicksale von Kindern zu entscheiden. Darüber, ob man herzlosen Eltern ein Kind wegnehmen darf oder darüber, ob siamesische Zwillinge getrennt werden sollen, auch, wenn es den sicheren Tod des einen Zwillings bedeutet. Seit 35 Jahren ist sie mit Jack, einem Geschichtsprofessor verheiratet. Glücklich, nur haben sie es sich in letzter Zeit vielleicht ein wenig zu gemütlich gemacht in ihrer Ehe. So ist Fiona geschockt, als Jack sie aus heiterem Himmel um ihr Einverständnis zu einer außerehelichen Affäre bittet. Zur gleichen Zeit wird sie mit dem Fall eines todkranken Teenagers betraut. Adam ist 17, hat Leukämie und verweigert sich als Zeuge Jehovas einer lebensrettenden Bluttransfusion, überdies ganz im Einverständnis mit seinen Eltern. Innerhalb von Stunden muss Fiona darüber entscheiden, ob die Ärzte die Therapie gegen den Willen des Patienten und seine religiöse Überzeugung fortsetzen dürfen, um Leben zu retten. Dazu will sie den Jungen treffen, und so verwebt sich in das moralische Dilemma der Protagonistin eine zarte erotische Spannung, bis es zum unvermeidlich tragischen Ende kommt.

Kindeswohl kann ich Euch nur ans Herz legen. Wie es dem Autor gelingt, dem Roman so viel Tiefe zu geben, hat mich sehr beeindruckt und liegt sicher daran, dass hier die ganz großen Themen Glaube, Moral, Schuld, Recht und Liebe behandelt werden. Gefallen haben mir auch die präzise erzählten Rechtsfälle, über die Fiona mit kühler Professionalität zu richten hat – interessant und spannend. Eingebettet ist dies in das eheliche Gefühlsdrama der Protagonistin, das als eine Art menschliche Rahmenhandlung virtuos gezeichnet ist. Kurz und gut, für mich ein absolutes Highlight.

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