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Freitagstipp: More Letters of Note

Kennt ihr das? Ihr begegnet einem Buch und denkt euch direkt: Ach komm, das wird nichts mit uns beiden, lassen wir´s besser gleich bleiben.Quasi das Gegenteil von Liebe auf den ersten Blick, nur halt in Buchform. Aber es gibt Bücher, die einen beschäftigt haben und die irgendwie nachhallen, obwohl man beim ersten Anblick vielleicht gedacht hat, aus uns wird nichts, Schätzchen.

Bestes Beispiel: Neulich kam eine Kollegin in mein Büro und hatte einen Mords-Trum von einem Buch in der Hand: „Hier, schau mal. Der neue Usher, »More Letters of Note«.“ und „Hast Du nicht Lust, was darüber zu schreiben“.  „Klar, mach ich doch gerne.“

More Letters of Note

Ich hätte vielleicht besser hinschauen sollen, denn da lag er dann auf meinem Schreibtisch, der Trum – und lag … und lag. Dick und golden und ein bisschen protzig und sprach mich so überhaupt nicht an. Sprach nicht zu mir. Ich habe mir dann irgendwann ein Herz gefasst und mal vorsichtig hineingeblättert und bin ziemlich schnell an einem Brief von Charlotte Brontë hängen geblieben, den sie nach dem Tod ihrer Schwester Emily an ihren Verleger geschrieben hat. (Emily Brontë, ihr erinnert euch: »Sturmhöhe« – Findelkind, abgewiesene Liebe, dann Jahre später übles Rachedrama mit noch üblerem Ausgang für so ziemlich alle Beteiligten, Weltliteratur – ist leider recht früh gestorben).

charlotte-bronte-an-w-s-williamsUnd dieser Brief hat mir schon einen ziemlichen Schauer über den Rücken gejagt, inklusive Kloß im Hals den restlichen Tag. Ich weiß nicht, wie es euch bei so etwas geht, aber ich war froh, ein paar Seiten weiter hinten auf einen hanebüchenen Brief von Mozart zu stoßen, den er seiner Cousine geschrieben hat: Voller absurder Einfälle und gespickt mit ziemlich deftigen Schimpfwörtern, die man dem Musikgenie gar nicht zugetraut hätte. Ein ganz anderer Blick auf diesen Menschen, den seine privaten Zeilen da offenbaren. Und ein richtig lustiger. Genauso wie die Tiger-Oil-Memos, eine Reihe von kurzen – ja, man möchte fast sagen – Hassbriefen, die der Chef dieses Unternehmens an seine Mitarbeiter geschrieben hat und in denen er ihnen in sehr deutlichen Worten sehr abstruse Vorschriften macht. Auch ziemlich witzig zu lesen – aber herrje, die armen Angestellten!

Ihr seht es schon: Das Buch ist voll von unterschiedlichsten Briefen von Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen. Von großen Namen wie Abraham Lincoln, J.K. Rowling oder David Bowie bis hin zu Namen, an die sich heute niemand mehr erinnert, deren Träger aber gerade wegen der Zeilen, die sie geschrieben haben, nicht in Vergessenheit geraten sollten. Wie zum Beispiel der Brief des Sklaven Abream Scriven, den er seiner Frau schrieb, als er unerwartet verkauft und dadurch für den Rest seines Lebens von ihr getrennt wurde.

Da sind schon einige Gänsehaut-Momente dabei, richtige Herzenszeilen eben. Hätte ich auf den ersten Blick gar nicht gedacht! Da gilt mal wieder: „Never judge a book by its cover.“ Für »More Letters of Note« so wahr, so wahr.

Von Anne H.

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