Allgemein, Bücher, Gastbeiträge, Reisen
Schreibe einen Kommentar

Sommer, Sonne und viel Amore! Ein Gastbeitrag von Anne Freytag und Adriana Popescu

Gastbeitrag

Könnt auch ihr den Sommer kaum erwarten? Die Hitze auf nackter Haut, ein kühle Brise am Meer, feiner Sand, der die Zehen beim Laufen umschließt … Sommergefühle gibt es aber auch jetzt schon, und zwar in den Romanen von Anne Freytag und Adriana Popescu. In Mein bester letzter Sommer erzählt Anne Freytag die bittersüße Liebesgeschichte von Tessa und Oskar, sie schwer krank, er voller Hingabe. Zusammen fahren sie quer durch Italien und erleben einen großartigen Sommer. Das schöne Italien ist auch das Ziel von Paula. In Adriana Popescus Jugendroman Ein Sommer und vier Tage lernt sie Lewis kennen –und findet ihre erste große Liebe. In Florenz führen die beiden Autorinnen ihre Liebespaare zusammen. Doch lest selbst!


 

Wir sind mitten in Florenz. Es ist verdammt heiß und ich habe Hunger. Tes geht neben mir her und ist so begeistert von allem, dass ich einfach nicht aufhören kann, zu grinsen. Hunger hin oder her. Überhaupt habe ich das Gefühl, als wäre ich auf eine seltsame Art leicht. Wenn es ihr gut geht, geht es mir gut. Ich bin eigentlich nicht der fröhliche Typ. Vielleicht war ich es mal, aber nicht mehr. Dieses andauernde Grinsen passt eigentlich nicht zu mir. Ich halte Händchen und lächle. Das ist kitschig und ich bin nicht kitschig. Zumindest dachte ich das. Aber wenn ich Tes so ansehe, bin ich es vielleicht doch. Ich halte ihre Hand. Sie ist zierlich und zerbrechlich. Und inzwischen fast immer kalt.

„Wie wäre es denn damit?“, fragt sie und zeigt auf eine große Markthalle. „Auf einem Blog hieß es, dass man dort richtig gute Pizza bekommt.“

Tes und ihre Pizza. Ich verkneife mir ein Lächeln und nicke.

Wir betreten die Halle. Sie ist riesig und voll und laut und ich fühle mich sofort wohl in ihrer italienischen Hektik. Mein Blick wandert zu Tes und ich beobachte, wie sie die Eindrücke gierig in sich aufsaugt. Sie steht neben einer der roten Säulen und betrachtet die Decke mit ihren Verzierungen und den hohen Fenstern, manche haben Bögen, andere sind eckig. Die geflochtenen Lampen über unseren Köpfen erinnern mich spontan an riesige Wespennester.

„Da oben ist noch was frei“, ruft Tes über den Lärm und das rege Treiben hinweg und zeigt auf eine Galerie. Wir fließen Hand in Hand mit einem Meer aus Menschen zu einem der Aufgänge und steigen wenig später die Stufen hoch. Es riecht nach gebratenem Fisch und Käse. Ein Kellner kommt auf uns zu und bringt uns zu einem der wenigen freien Plätze. Wir setzen uns und schauen über das Geländer in die Halle hinunter. Ich nehme Tes’ Hand in beide Hände und streiche mit den Daumen über ihre eiskalten Finger.

Lewis trinkt aus einer dieser winzigen weißen Tassen, sieht mich über den Rand hinweg an und versucht dabei keine Miene zu verziehen, doch ich kann sehen, wie es ihn viel Mühe kostet. Der Espresso ist bitter, vor allem wenn man den Süßstoff geflissentlich ignoriert.

„Lecker?“

Man kann das Schmunzeln in meiner Stimme hören, doch Lewis nickt überzeugend.

„Köstlich. Willst du probieren?“

„Ich bleibe bei meiner Cola, Danke.“

Der Trubel um uns herum ist laut, die Luft fühlt sich schwer und stickig an und steckt dennoch voller Leben. Das Lachen der anderen Gäste, die flotten Gespräche auf Italienisch und ich komme mir vor, als wäre ich nicht einfach in einem anderen Land, sondern einem anderen Leben. Ein junges Paar, vermutlich in unserem Alter, hat an einem Tisch in unserer Nähe Platz genommen und ganz kurz trifft mich der Blick aus den hellen Augen des blonden Mädchens. Ich schicke ihr ein schüchternes Lächeln, bevor Lewis mich ablenkt und die Tasse wieder abstellt, stattdessen nach meiner Cola greift und sich einen Schluck klaut, fast muss ich lachen, als ich sein erleichtertes Gesicht sehe.

„Siehst du die zwei da drüben?“, fragt Tes leise und nickt zu einem der Nachbartische. „Links von dir … aber schau nicht gleich hin.“

Zu spät. Ich habe natürlich sofort hingeschaut. „Ja, ich sehe sie … Warum?“

„Sie … sie sehen so glücklich aus“, flüstert sie und die Sehnsucht in diesem einen Satz schnürt mir die Kehle zu. Ich betrachte Tes und Tes das Pärchen. „Sie sehen aus, als hätten sie keine Sorgen.“ Sie legt den Kopf schräg. „Findest du nicht?“

Das stimmt. Sie machen verliebte Gesichter und albern herum. Die beiden sind in unserem Alter. Vielleicht ein bisschen jünger. Er trägt ein Fußballtrikot des AC Florenz und grinst so breit, dass ich er mich automatisch ansteckt. Ja, sie sehen unbeschwert aus. Als hätten sie ein perfektes Leben und einen perfekten Sommer, der gerade erst angefangen hat. Vielleicht ist ihr Leben wirklich perfekt. Vielleicht aber auch nicht. Wir haben keine Ahnung, was sie für einen Sommer haben. Und wir wissen auch nichts von ihrem Leben. Wir sehen ihre Welt durch ein Schlüsselloch und schließen von dem Bisschen, was wir sehen auf den Rest. Bei uns ist es nicht anders. Man sieht Tes nicht an, wie krank sie ist. Ihr Lächeln ist strahlend und ihre Augen leuchten. Unsere Fassade zeigt zwei glückliche Teenager, die alles haben. Bis auf Zeit. Ich drücke Tes’ Hand.

Gastbeitrag

Wieder wandert mein Blick zu dem Paar am anderen Tisch und ich komme nicht darüber hinweg, wie traurig die Augen des Jungen aussehen. Das laute Stimmenwirrwarr hat Fetzen ihrer Unterhaltung zu uns rüber getragen und wenn ich mich nicht irre, handelt es sich bei ihnen ebenfalls um Deutsche. Sie könnten eine Version von uns sein, ein Trip durch Italien, verliebte Blicke, das passende Lächeln. Wenn sie dabei nicht so traurig und ernst wirken würden. Kurz sehe ich zu Lewis, der so unbeschwert vor mir sitzt, als müssten wir nicht in wenigen Tagen zurück in unser echtes Leben und dem Abivorbereitungskurs in Amalfi. Wieder trifft mich kurz der Blick des Mädchens, das irgendwie blass und etwas zerbrechlich wirkt. Irgendwas stimmt nicht. Es ist die Schwere des Blicks und die versteckte Traurigkeit in ihrem Lächeln, die sich kurz wie Blei auf meinen Brustkorb legen. Lewis zieht die Augenbrauen zusammen, als er bemerkt, wie sich mein Gesichtsausdruck verändert und ich wieder zu ihm sehe.

„Alles okay?“

Schnell greife ich nach seiner Hand und drücke sie kurz.

„Ich bin einfach nur froh, dass du hier bist. Bei mir. In Florenz.“

Sein Lächeln ist irritiert, aber er nickt dennoch.

„Das bin ich auch.“

„Ich hoffe, du bleibst.“

„Für einen Sommer und vier Tage.“

Er beugt sich über den Tisch zu mir und küsst mich sanft, ganz kurz, wie ein leiser Windhauch, aber ich will diesen Lieblingsmoment für immer festhalten.

„Wote du yu wonte tu ite?“, fragt ein Kellner in sehr italienischem Englisch.

Tes bestellt eine Pizza Capri und ein Mineralwasser und weil ich nicht weiß, was ich nehmen soll, bestelle ich dasselbe. Der Kellner nickt, dann verschwindet er und ich schaue noch einmal zu dem Pärchen hinüber. Sie füttert ihn mit Pizza und lacht. Ich wünsche mir, dass das Leben so gut zu ihnen ist, wie es von außen aussieht. Ich wünsche ihnen, dass es bei ihnen keine Illusion ist.

„Oskar?“

Ich schaue zu Tes und muss bei ihrem Anblick sofort lächeln. „Hm?“

Sie streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Ich freue mich auf unseren Sommer.“

„Ich mich auch“, sage ich leise und versuche nicht daran zu denken, dass es ihr letzter sein wird.

 

Cover_Freytag, Anne_Mein bester letzter Sommer_72 dpi Ein Sommer und vier Tage von Adriana Popescu

Textpassagen fett © Adriana Popescu

Textpassagen  normal © Anne Freytag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.