Kolumne

Ghosting – oder Vom Verschwinden der Männer

Neulich erzählte mir eine Bekannte, dass ihre Tochter mit deren Freund in eine andere Stadt gezogen ist, und nur drei Wochen nachdem das Paar die gemeinsame Wohnung eingerichtet hatte, wurde sie verlassen. Wohlgemerkt ohne eine hinreichende Erklärung. Nach sieben Jahren Beziehung. Es fielen nur Sätze wie „Es geht nicht mehr, wir müssen uns trennen“, dann war er weg. Wie ein Geist.

Junge Leute bezeichnen dieses Verhalten als ghosting. Eine treffende Vokabel für ein altbekanntes Phänomen. Und klar, es sind nicht immer nur die Männer, die vom Zigarettenholen nicht zurückkommen oder sich plötzlich auf allen Kanälen tot stellen. Sicher gibt es unter uns Frauen auch ein paar ghosting-Schafe, aber gemeinhin haben die Träger des xy-Chromosoms in diesem Punkt die schlechteren Karten. Eine Autorin zum Beispiel hat vor einiger Zeit bei Tinder einen wirklich netten Mann kennengelernt. Okay, er war Polizist und hat immer mal wieder etwas von undercover gefaselt, aber er war romantisch und in jeder Hinsicht aufmerksam. Bis er eines Tages verschwand. Sie machte sich Sorgen, versuchte ihn ausfindig zu machen – Fehlanzeige. Der Typ war wie vom Erdboden verschluckt. Wie ein Geist.

Unwillkürlich musste ich an meinen damaligen Freund denken, der sich von mir trennte, als ich im Flugzeug einen Tomatensaft bestellte. „Das geht gar nicht“, urteilte er und fügte hinzu: „Außerdem liebe ich dich nicht mehr.“ Unnötig zu sagen, dass die gemeinsamen Ferien nicht mehr stattfanden und ich Rotz und Wasser heulte. Immerhin hatte ich eine handfeste Begründung bekommen, und ich hätte ihn theoretisch auch noch kontaktieren können, denn die Frage, was an Tomatensaft falsch ist, stand noch im Raum. Ich ließ es bleiben.

Warum sind bestimmte Männer in bestimmten Konstellationen nicht in der Lage, eine saubere Trennung hinzulegen? Warum scheint das Verschwinden ohne eine Erklärung für sie die einzige Lösung zu sein?

Es gibt sicher ausführliche Forschungsberichte zu diesem Themam und die Ratgeber-Regale sind voll von Büchern, die Frauen nach so einer Krise ermuntern, ihr inneres Kind zu heilen und danach sich selbst zu lieben. Ich glaube allerdings, gegen emotionale Nullnummern ist kein Kraut gewachsen. Man kann sich nicht vor ihnen schützen, weil diese Männer wahrscheinlich gar nicht mit voller Absicht ans Werk gehen. Vielleicht verlieren sie ihre empathischen Fähigkeiten erst, wenn sie ahnen, dass sie sich gerade auf etwas einlassen, das sie in der Intensität nicht möchten? Man bzw. frau wird es im Zweifel nie erfahren.

Der armen jungen Tochter meiner Bekannten und der Autorin kann ich nur raten: „Wein dich aus, steh auf, geh weiter und versuche nicht, es zu verstehen.“ Liebeskummer setzt immer kreative Prozesse in Gang, die beiden Damen werden es diesen Geistern heimzahlen. So oder so … 🙂

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