Kolumne
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Hilfe! Ich werde wie meine Mutter!

Es gibt die These, dass man mit zunehmendem Alter die Wesenszüge seiner Eltern annimmt und sich irgendwann auch deren Lebensansichten zu eigen macht.

Vor einiger Zeit traf ich zufällig auf eine ehemalige Kommilitonin. Was ihr als erstes an mir auffiel, war meine natürliche Haarfarbe. Vielleicht muss ich dazu folgende Erklärung abgeben: zu Studienzeiten hat es keinen einzigen Farbton zwischen ‚Latte Macchiato‘ und ‚Sweet Brownie‘ gegeben, mit dem meine Haare (und die Badfliesen) nicht in Berührung gekommen sind.

Inzwischen habe ich die Suche nach dem perfekten Braunton aufgegeben – sehr zu Anjas Verwunderung. Ich erklärte ihr daraufhin, dass das Färben für die Haare auf Dauer nur schädigend sei, und dass meine natürliche Haarfarbe ohnehin am besten zu mir passe.

Noch im selben Moment wurde mir klar: „Ich höre mich an wie meine Mutter!“

Das war das erste Mal, dass ihre Worte originalgetreu aus meinem Mund kamen. Von Zeit zu Zeit häufte sich dieser Umstand. So habe ich kürzlich festgestellt, dass ich schon seit Monaten nicht mehr ausgegangen bin („weil man tags darauf einfach zu nichts mehr zu gebrauchen ist“). Ich gehe neuerdings nicht ohne langärmliges Unterhemd, Thermostrumpfhosen und gefütterte Stiefel aus dem Haus („weil man sich ja sonst den Tod holt“). Und ich habe angefangen jeden Monat etwas Geld zur Seite zu legen, anstatt es für sinnlose Dinge auszugeben („weil man ja nie wissen kann, wofür man die Ersparnisse mal braucht“).

Vielleicht wären diese Sinneswandlungen weitaus weniger beängstigend, wenn ich nicht zu jeder Zeit meines Lebens geglaubt hätte, dass ich niemals so werden würde wie meine Mutter. Bin ich dabei, die Wesenszüge meiner Mutter anzunehmen, und mir ihre Lebensansichten zu eigen zu machen?

Was für eine gruselige Vorstellung! Ich meine nicht, dass meine Mutter mit allem Unrecht hatte. Sie hatte schon recht gehabt mit gewissen Dingen. Mit den Spielzeugen zum Beispiel, die ich unbedingt haben musste, und die schon nach wenigen Wochen in der Ecke verstaubten. Mit all den Haustieren, um die ich mich zu kümmern gelobte, und derer sich mein Vater schließlich annehmen musste. Mit dem Kerl, den ich für die Liebe meines Lebens hielt, und der mir am Ende das Herz gebrochen hat. Okay, vielleicht hatte sie auch mit allem Recht gehabt. Außer mit dem Topfhaarschnitt.

Woher hatte meine Mutter all das gewusst? War sie als junger Mensch womöglich einmal genauso unverständig wie ich? Und werde ich jetzt genauso verständig wie sie?

Nein, das ganz sicher nicht. Wirklich nicht. Niemals im Leben.

Wie, schon halb Zehn? Ich sollte ins Bett. Es geht doch nichts über einen gesunden Schlaf!

Von Huyen

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