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Hinter den Kulissen einer Vertretertagung

Zweimal (in manchen Verlagen sogar dreimal) im Jahr steigt der Stresspegel bei uns Lektoren deutlich: Die Vertretertagung steht bevor. Die Lektorate müssen die zukünftigen Programme unseren Vertretern, Key-Accountern und Kundenmanagern vorstellen, also den Menschen, die den Buchhändlern unsere Bücher vorstellen. Dafür kommen alle im Verlag zusammen, sitzen tagelang in großen Konferenzräumen, essen ungesunde Snacks und hören sich einen Vortrag nach dem anderen an. Dann erzählen wir von neuen Autoren, neuen Serien, Erfolgen des letzten halben Jahres oder unseren Plänen, was wir in der Zukunft ändern werden.

Was von den Zuhörern vor allem Sitzfleisch erfordert, bedeutet für uns Stress und Aufregung, denn zu diesem Zeitpunkt müssen wir nicht nur wissen, welche Bücher wir überhaupt im nächsten Halbjahr veröffentlichen werden, sondern alle müssen auch einen Titel, ein Cover und einen „Pitch“, also einen Kurzinhalt haben. Dazu bereiten wir mithilfe unserer fleißigen Assistentin eine große Präsentation vor (zwei Präsentationen, um genau zu sein), auf denen die neuen Cover und Marketingvorschläge der Bücher zu sehen ist.

Gestern war es für uns wieder so weit, aber um euch ein besseres Verständnis der ganzen Veranstaltung zu geben, muss ich einige Wochen zurückspringen.

Vor 9 Wochen

Wir versuchen ein Programm zusammenzustellen. Aktuell geht es um die Titel, die im Herbst und Anfang 2016 erscheinen werden. Dafür schauen wir auf unsere Listen, welche Titel wir in den letzten Monaten eingekauft haben, welche unserer Autoren neue Bücher in der Pipeline haben und welche Titel aus unserem Hardcover-Programm in das Taschenbuch überführt werden könnten.

Vor 6-7 Wochen

Wie immer viel zu schnell stehen dann die ersten Textlesungen an. Das grobe Programm steht mittlerweile, und wir wissen, wer von uns in welchem Monat welche Bücher betreut. Dann setzten wir uns stundenlang an unsere Schreibtische und sammeln Informationen. Mal gibt es schon ganze Manuskripte, mal nur Exposés und, wenn man Pech hat, nur eine Idee. Dennoch müssen für jedes Buch ein Kurztext geschrieben und die Verkaufsargumente gesammelt werden.

Parallel bringen wir schon Titelvorschläge für die neuen Bücher mit. Das ist, zumindest für mich, immer mit der anstrengendste Prozess, denn wenn der Titel und das Cover nicht passen, kann der Inhalt noch so gut sein, er wird vermutlich nicht gelesen …

Ungefähr in diesem Zeitraum müssen wir die Programme unserem Verleger und den Abteilungsleitern vorstellen. Das ist immer die erste Probe, und normalerweise wird noch einmal viel durcheinandergewirbelt.

Vor 4-6 Wochen

Wir haben die ersten Titel und können Cover briefen. Dafür kommt an einem Tag unsere großartige Grafikerin ins Haus und darf sich von uns anhören, was wir uns Buntes, Schönes auf den zukünftigen Buchdeckeln vorstellen. Dann verschwindet sie in ihr stilles Kämmerlein und schickt uns wenige Tage später die ersten Entwürfe zu.

Vor 1-4 Wochen

In den letzten Wochen haben wir alle diese Schritte wiederholt, bis wir für wirklich alle Bücher, die es bisher nur auf dem Reißbrett gibt, ein Cover, einen Titel und inhaltliche Informationen haben. Nun kann unsere Assistentin die Präsentation zusammenstellen, und das erste Mal bekommt man ein richtiges Gefühl für das Gesamtprogramm. Wie sehen die einzelnen Titel nebeneinander aus? Haben wir unbewusst mehrere ähnliche Cover ausgewählt? Passt die Gesamtkomposition?

Letzten Freitag

Die Präsentation steht, und nur noch ein Wochenende trennt uns von DEM Tag. Ich war dieses Jahr besonders aufgeregt, weil ich das erste Hardcover vorstellen musste, aber auch nach vielen Jahren – so berichtet meine Chefin – gewöhnt man sich nie richtig daran. Jetzt sind wir es, die sich in ihre stillen Kammern einschließen, um die Vorträge zusammenzustellen. Leider ist dann das Wochenende nicht besonders entspannt …

Gestern – DER Tag

Da ich das Wochenende in meiner Heimat im Ruhrgebiet verbracht habe, beginnt mein Morgen früh – sehr früh. Ich muss um 6:55 Uhr meinen Flug nach München erwischen. Alleine das ist schon stressig (Hat der Flieger Verspätung? Stau auf der Autobahn? Lange Schlange vor der Sicherheitskontrolle?) … Aber alles läuft glatt, und ich bin um kurz nach 9 Uhr am Verlag. Wenn man direkt vor dem Eingang steht, kann man durch eine Glasscheibe in den Konferenzraum blicken, wo meine Kollegen bereits mitten in der Präsentation sind. Mein Puls steigt, weil ich weiß: Da sitze ich in ca. 2 Stunden auch.

Am Schreibtisch checke ich kurz meine Mails, aber dann brüte ich ein letztes Mal über meinen Vorträgen. Nach und nach trudeln meine Kolleginnen ein, aber mehr als ein bisschen Smalltalk ist nicht drin – alle sind schon fokussiert und leicht hibbelig. Carolin ist sogar schon seit 7 Uhr da, weil sie am Freitag keine Zeit mehr zur Vorbereitung hatte!

Um Viertel nach 11 geht es endlich runter. Wir brezeln uns noch einmal auf, prüfen wiederholt unsere Unterlagen und warten dann vor dem Konferenzraum, bis die Krimi-Lektoren mit ihrer Präsi durch sind. Als die Türen aufgehen, kommt uns lächelnd unsere Kollegin aus dem Vertrieb entgegen mit den Worten: „Die sind heute gut drauf. Das wird ein Spaziergang.“

Nun, so war es dann auch. Einige Cover müssen wir neu machen, aber die Stimmung war positiv und sowohl unser Taschenbuch- als auch unser Hardcoverprogramm wurden gut aufgenommen. Gott sei Dank!! Gestern haben wir dann nicht mehr lange gearbeitet, und heute schreibe ich diesen Bericht vom Krankenbett aus. Vermutlich hat mich der Verleger höchstpersönlich angesteckt, der sich trotz Fieber zur Tagung geschleppt hat. Schönen Dank auch – ich les jetzt einen Liebesroman 🙂

Vertretertagung Diana Verlag Vertretertagung Diana Verlag

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