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Interview mit Julie Cohen

Julie Cohen ist genau die richtige Autorin für entspannte Sommertage. Ihre Bücher lese ich immer in einem einzigen Rutsch durch, und ihre Figuren sind einfach großartig. In ihrem neuen Roman Der Tag, an dem der Sommer begann geht es um die drei Frauen der Familie Levinson. Großmutter, Mutter und Tochter unter einem Dach – ob das gut gehen kann? Vor allem, wenn alle drei Frauen Geheimnisse hüten? Mehr über ihren neuen Roman verrät euch Julie im Interview.

Liebe Julie, würdest du uns deinen neuen Roman vorstellen?

Der Tag, an dem der Sommer begann handelt von drei Frauen aus drei Generationen, die unter einem Dach wohnen, aber alle ein Geheimnis hüten. Honor, die Großmutter, verschweigt etwas, aus Angst, ihre Unabhängigkeit zu verlieren. Ihre Schwiegertochter Jo hat ein aufregendes Geheimnis, das ihre Beziehung zu ihrer Tochter Lydia aufs Spiel setzt. Und Lydia ist zum ersten Mal verliebt, und niemand darf erfahren, in wen.

Welche der drei Frauen magst du am liebsten?

Honor. Sie ist kratzbürstig, oft unhöflich und dickköpfig, und sie weigert sich, dem gesellschaftlichen Bild einer älteren Frau zu entsprechen.

Sind die drei Frauen durch Begegnungen aus deinem Leben inspiriert?

Meine Heldinnen sind alle frei erfunden, aber sie wurden durch Menschen inspiriert, die ich wirklich getroffen habe. Zum Beispiel durch eine ältere Frau im Bekanntenkreis meiner Eltern in den USA, die von der West- an die Ostküste zu ihrer Tochter umgezogen ist. Und als einer von uns einmal so etwas wie „Das muss schön für euch beide sein“ dahinsagte, dachte sie sorgfältig darüber nach, und antwortete dann: „Nein. Es ist manchmal sehr schwierig. Ich habe alles zurückgelassen und bin nun komplett von ihr abhängig. Ich fühle mich nicht mehr wirklich wie eine Erwachsene.“ Das beschäftigte mich, und ich dachte darüber nach, wie schwierig es für ältere Menschen sein muss, ihre Unabhängigkeit zu verlieren, sogar wenn sie von ihrer Familie umgeben sind.

Meine Jahre als Lehrerin wiederum haben Lydia geprägt. Ich habe beobachtet, wie sich junge Menschen gegenseitig behandeln und was sie sich manchmal antun. Wenn man selbst ein Teenager ist, ist es sehr schwer, dieses Verhalten einzuordnen.

Und wie Jo bin ich Mutter eines kleinen Kindes, deshalb ist meine Lebenserfahrung ihrer wahrscheinlich am nächsten. Manche der Dinge, die ihr passieren, stammen direkt aus meinem eigenen Leben.

Die drei Frauen verbindet der Verlust von Stephen – Honor hat ihren Sohn verloren, Jo den Ehemann, Lydia den Vater. Wie kommen sie damit zurecht? 

Jo geht sehr offen damit um, denn sie ist diejenige, die am besten über ihre Gefühle sprechen kann. Sie erzählt von Stephen, denkt an ihn, feiert sein Leben und seine guten Taten. Aber es fällt ihr schwer, wieder neu anzufangen. Außerdem erzählt sie Lydia nicht alles über ihren Vater, weil sie sein Andenken so hoch halten will.
Lydia vergöttert ihren Vater und hortet Erinnerungen an ihn. Sie denkt, dass er sie besser verstanden hätte als irgendjemand anderes, wenn er noch am Leben wäre. Was wahr sein könnte, aber es hält sie davon ab, den Menschen zu vertrauen, die um sie sind.

Honor ist wütend. Sie kann Stephen nicht vergeben, gestorben zu sein, und sich selbst nicht verzeihen, ihn nicht gerettet zu haben.

Honor, Jo und Lydia haben auch noch etwas anderes gemeinsam: ein gebrochenes Herz. Gibt es Hoffnung für die Liebe?

Für die Frauen der Familie Levinson scheint die Liebe unmöglich. Sie alle drei haben irgendwann einen Menschen geliebt, der unerreichbar für sie war oder ist. Es kann auch gefährlich sein, sich zu verlieben, man lässt sich fallen und verliert sich dabei vielleicht selbst. Was ich aber mit diesem Buch vermitteln wollte, vor allem durch Lydias Geschichte, ist, dass Liebe immer das Risiko wert ist. Sie ist eine kostbare Erfahrung, sogar wenn sie unmöglich ist. Und ich denke, das Ende des Buches ist hoffnungsvoll.

Wie beeinflussen die Geheimnisse der drei Frauen ihre Beziehungen untereinander?

Ich fand es sehr spannend herauszuarbeiten, wann ein Geheimnis aufgedeckt werden soll, und zu welchem Zeitpunkt die Leser eingeweiht werden. Das scheint mir genauso wichtig wie das Geheimnis selbst, und daran erkennt man auch, wie sich die Beziehungen zwischen den Figuren entwickeln.

Alle drei Frauen wissen, wie Stephen gestorben ist, aber die Leser finden das erst sehr spät in der Geschichte heraus. Was Lydia beschäftigt, erfahren die Leser wiederum von Anfang an, aber keine der anderen Figuren. Für ist es auch bedeutsam, dass Lydia ihr Geheimnis zuerst Honor anvertraut und sich Vertrauen zwischen ihnen aufbaut. Jos Geheimnis findet sie dann zufällig und zum unpassendsten Moment heraus, was das zerbrechliche Vertrauen zwischen ihnen zerstört. Das Aufdecken eines Geheimnisses kann also sehr unterschiedliche Auswirkungen haben.

Drei Generationen leben in einem Haus zusammen. Denkst du, das würde das Leben für alle einfacher machen?

Familie ist nie einfach, egal, wie nahe man sich steht. Ich denke aber, dass sie unser Leben vor allem bereichert.

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