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Im Gespräch mit Nicole Vosseler – Die Farben der Erinnerung

Vosseler Die Farbe der Erinnerung

Das gegenwärtige New York, das berühmte Dichterpaar Elizabeth Barrett-Browning und Robert Browning und ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert: Der Roman DIE FARBEN DER ERINNERUNG hat drei Handlungsebenen, drei ganz unterschiedliche Zeiten – und doch steht natürlich alles miteinander in Verbindung. Wir haben der Autorin Nicole Vosseler einige Fragen zu ihrem neuen Roman gestellt.

Würdest Du uns Deinen neuen Roman kurz vorstellen?

Nicole VosselerIm Zentrum des Romans steht Gemma, heute noch traumatisiert von dem Brand, in dem sie als Kind ihre Eltern verlor. Dreißig Jahre danach holt diese Vergangenheit sie ein, als sie von einem anonymen Absender per Post die Nachahmung eines antiken Schmuckstücks erhält und E-Mails mit den Zeilen eines Gedichts von Robert Browning. Begleitet von Sisley Ryland-Bancroft, Professor für viktorianische Literatur in Oxford, bricht Gemma zu einer Spurensuche auf, die sie über zwei Kontinente führt.

Dreh- und Angelpunkt des kunsthistorischen und literarischen Puzzles, das Gemma und Sisley dabei den Weg weist, ist die „Dame in Grün“, ein Renaissance-Porträt im Frankfurter Städel Museum. Meine eigene Reise mit den „Farben der Erinnerung“ begann mit eben dieser „Dame in Grün“, die mich aufgrund seiner Farbgebung und seiner rätselhaften Details in seinen Bann zog. Umso mehr, da wir weder wissen, wer es malte noch wer dafür Modell stand. Also ließ ich meinem Recherchefieber und meiner Imagination freien Lauf und stieß dabei auf die Legende von Lucrezia de‘ Medici, die von ihrem Ehemann, dem Herzog von Ferrara vergiftet worden sein soll. Eine Legende, die Robert Browning in seinem wohl berühmtesten Gedicht „My Last Duchess“ verewigt hat – während die Liebes- und Lebensgeschichte der beiden Dichter Robert Browning und Elizabeth Barrett ihrerseits nicht minder legendär ist.

Unterschiedliche Leben in drei verschiedenen Jahrhunderten, die auf ersten, den zweiten Blick nicht das Geringste miteinander zu tun haben, im Lauf des Romans aber Parallelen entwickeln und letztlich doch über Raum und Zeit hinweg miteinander verknüpft sind. Drei Geschichten, die drei verschiedene Gesichter der Liebe zeigen. Ein Roman über die Kraft der Kunst und der Poesie und die Macht der Vergangenheit – und darüber, dass die Wahrheit oft unbequem und manchmal schmerzhaft ist, am Ende aber immer Freiheit bedeutet.

Was war die größte Herausforderung beim Schreiben des Romans? Und gab es eine Szene oder eine Handlungsebene, die Du besonders gerne geschrieben hast?

Meine größte Herausforderung war die Annäherung an Elizabeth Barrett und Robert Browning. Ich hatte so viel über die beiden recherchiert, dass es für einen mehrere hundert Seiten starken Roman gereicht hätte, aber ich fand den Einstieg nicht. Wie gelähmt saß ich vor dieser Fülle an Material über die beiden Dichter, über die ich zwar eine Menge wusste, die mir aber erschreckend fremd geblieben waren. Wo sollte ich nur anfangen?

Genau diese Blockade aber war es, die mir den Zugang zu den beiden eröffnete. Denn diese Suche nach einem Anfangsfaden, dieses Ringen mit der Kreativität, der Produktivität, einem literarischen Text kannten sowohl Elizabeth Barrett als auch Robert Browning. Darin erkannte ich mich selbst wieder, darin waren sie mir plötzlich sehr nahe. Ihre Gedanken und Empfindungen während des Schreibprozesses und der verschiedenen Stadien der Veröffentlichung, ihre Erfahrungen mit Erfolg und Misserfolg oder hinsichtlich der ganz profanen wirtschaftlichen Seite des Autorendaseins überlappten sich mit meinen oder deckten sich sogar. Es war eine besondere Erfahrung, die beiden im Roman für sich selbst sprechen zu lassen, größtenteils in ihren eigenen Worten, und gleichzeitig von mir selbst zu erzählen.

Bei den Kapiteln aus Lucrezias Sicht erlebte ich das absolute Gegenteil. Ab einem gewissen Punkt der Recherche hatte ich Lucrezias Stimme in meinem Ohr und brauchte sie einfach nur selbst erzählen lassen, voller Staunen darüber, wie klar ich sie hören konnte, über Zeit und Raum hinweg. Am liebsten war ich jedoch mit Gemma und Sisley unterwegs, ich fühlte mich mit beiden einfach unglaublich wohl. So sehr, dass ich mich am Ende des Romans nur schwer von ihnen trennen konnte. Eigentlich, so dachte ich, würde ich beide gern weiter begleiten, erfahren, wie es nun für sie weitergeht, einfach noch länger Zeit mit ihnen verbringen.

Nicht zuletzt, weil es auf dieser Reise mit ihnen etliche wunderbare Schreibmomente gab. Wie diese Szene in San Francisco, als der Obdachlose Chili am Piano Gemma in Form von Songs von ihrem Vater erzählt. Eine dieser Szenen, die man vorab nicht bis ins Detail geplant hat und die dann einfach da ist: ein Raum, der sich unerwartet vor einem öffnet und den man als Autor staunend betritt, mit allen Sinnen erlebt. Einer dieser Momente, die einem tief unter die Haut gehen, weil man spürt, dass der Roman lebendig ist.

In Deinem Roman geht es natürlich auch um die Liebe: Die Protagonistin Gemma und der Professor Sisley Ryland-Bancroft sind beide introvertierte, sehr eigene Charaktere, und dennoch – oder gerade deswegen – kommen sie sich im Laufe der Geschichte immer näher. Was meinst Du? Hat ihre Liebe eine echte Chance?

Menschen lernt man nie besser kennen als auf Reisen, wenn die Maske fällt, die jeder von uns sich in seinem Alltag angewöhnt hat. Gemma und Sisley haben auf ihrer atemlosen Schnitzeljagd um die halbe Welt die Eigenarten des anderen kennengelernt und konnten dabei herausfinden, wie viel Freiraum und wie viel Nähe jeder von ihnen braucht und verträgt. Sie haben sich gegenseitig verwundbar und schwach erlebt und auch mal schlecht gelaunt. Beängstigende und bedrohliche Situationen haben ihnen gezeigt, dass sie einander vertrauen und sich aufeinander verlassen können. Umgekehrt ist eine solche Reise, wie sie hinter Gemma und Sisley liegt, eine Ausnahmesituation, und nichts ist tödlicher für die Liebe als der graue Alltagstrott.

Mich stimmt jedoch optimistisch, dass sie einander zwar ganz selbstverständlich begegnen, den
anderen aber nicht als selbstverständlich hinnehmen. Beiden ist bewusst, dass sie im jeweils anderen etwas Kostbares gefunden haben, mit dem man achtsam umgehen muss. Und ich bin überzeugt, beiden ist genauso bewusst, dass dies kein Status ist, den man einmal erreicht hat und dann auf sich beruhen lässt. Sondern ein sich kontinuierlich verändernder Weg, den man zusammen geht und auf dem man sich immer wieder neu füreinander entscheiden muss.

Von was lässt Du Dich zu Deinen Geschichten inspirieren? Von anderen Romane, Filmen, Serien, vom echten Leben?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es auf dieser Welt irgendetwas gibt, das nicht auf irgendeine
Weise inspirierend sein könnte. Ich bin ein zutiefst neugieriger Mensch, der sich eigentlich für alles interessiert und auch alles interessant findet. Musik, Reisen, Zeitungsartikel, Bilder in Zeitschriften, Dokumentationen und Sachbücher, Alltagsbeobachtungen, eigenes Erleben, Erzähltes und Gehörtes – die Welt ist voller Inspiration.

Aus Filmen, Serien, Romanen ziehe ich natürlich sehr viel Inspiration; für mich ein fortwährender schöpferischer Input, der meinen eigenen kreativen Fluss niemals austrocknen lässt. Anders gesagt: ein konsequentes Training der kreativen Muskulatur. Eigentümlicherweise empfinde ich dieses Training immer dann am effektivsten, wenn das, was ich lese, was ich mir anschaue, eigentlich gar nichts mit dem Roman zu tun hat, der mich im Augenblick beschäftigt. Gerade dann spüre ich die kreative Energie, die dabei frei wird, besonders stark.

Bei den „Farben der Erinnerung“ ist mir überdeutlich bewusst geworden, was für ein weites und reiches Feld die Inspiration sein kann. In diesen Roman sind so viele unterschiedliche Dinge aus ganz verschiedenen Quellen mit eingeflossen, angefangen bei meiner zufälligen Begegnung mit der „Dame in Grün“ im Frankfurter Städel Museum. Eine Dokumentation über die Mona Lisa. Ein Zufallsfund aus dem Internet über das Handwerk des Globusherstellers. Meine eigenen Erfahrungen als introvertierte Persönlichkeit und mit Ängsten und Zwängen. Erlebnisse und Begegnungen mit Obdachlosen in San Francisco und Honolulu. Eine Meldung in einer hawaiianischen Tageszeitung über eine Mönchsrobbe, die ihr Junges am Strand von Waikiki zur Welt brachte und das Muster des Teppichbodens in meinem Stammhotel in Frankfurt am Main.

Für mich ist Inspiration ein fortwährender Prozess, der aktiv und passiv zugleich ist. Am besten lässt es sich wohl mit dem Sammeln von Strandgut vergleichen: man muss schon regelmäßig am Strand sein und die Augen offen halten, damit man die dort angespülten Kostbarkeiten auch findet und von ihnen gefunden werden kann. Und wenn nicht für den Roman, an dem man gerade schreibt, dann vielleicht für den nächsten oder den darauf.

Abgesehen von New York, spielt der Roman auch u.a. in England, Italien und auf Hawaii. Musst Du einen Ort selbst besucht haben, bevor Du über ihn schreibst?

Bei den „Farben“ hatte ich den direkten Vergleich zwischen Schauplätzen, die ich noch nie besucht habe und solchen, an denen ich schon war. Ob ich nun recherchierte Fakten lebendig werden lasse oder meine eigenen Erfahrungen mit einfließen lasse, spielt für mich beim Schreiben keine allzu große Rolle. Ich kann nicht einmal sagen, welche dieser beiden Varianten ich bevorzuge. Beide haben jeweils ihre Vor- und Nachteile, ihre Schwierigkeiten und Fallstricke.

Letztlich ist es immer die Imagination, die einen Roman daraus macht. Denn ein Roman ist eine Welt für sich, mit eigenen Regeln, eigenen Gesetzmäßigkeiten und Anforderungen – und trotzdem tief in unserer Realität verankert.

Wie stark diese Imagination sein kann und auch muss, ist mir bei den „Farben“ einmal mehr sehr eindrücklich vor Augen geführt worden. Als ich Gemmas Weg über die Wendeltreppe im senkrechten Tunnel des Diamond Head beschrieb, war ich mir absolut sicher, dass ich genau diesen Weg ein paar Jahre zuvor gegangen war. Keine Sekunde zweifelte ich daran, dass ich aus meiner Erinnerung heraus schrieb. Erst danach, als ich zwischen meinen Reisebildern stöberte, wunderte ich mich, dass ich ausgerechnet davon keine Fotos gemacht haben sollte. Es stellte sich heraus, dass ich tatsächlich nie in diesem Tunnel gewesen bin; sowohl den Diamond Head hinauf als auch wieder hinunter habe ich damals den Weg über die Bergflanken genommen.

Und trotzdem fühlt es sich für mich bis heute so an, als wäre ich dort gewesen – mit Gemma.

Das fasziniert und begeistert mich beim Schreiben jedes Mal aufs Neue: diese fiktive Romanwelt, die ihre ganz eigene Authentizität besitzt. Die lange Zeit nur in meinem Kopf existiert und dabei doch für mich fühlbare Realität ist. Das fertige Buch erlaubt dann dem Leser, seinerseits diese fiktive Welt zu betreten und mit allen Sinnen als real zu erleben. Die pure Magie.

Vielen Dank, liebe Nicole.

Vosseler Die Farbe der Erinnerung

 

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