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„Ich bin ein bisschen in Ettore verliebt. Wie auch nicht?“ – Katherine Webb über ihren neuen Roman

Interview mit Katherine Webb Italienische Nächte

Sie ist berühmt für ihre Familiensagas, und wir sind wahnsinnig stolz, mit ihr zusammenarbeiten zu dürfen. Aber Katherine Webb schreibt nicht nur packende Geschichte, sie ist auch noch bildhübsch, freundlich und fröhlich. Bisher immer in England angesiedelt, wagt sie in ihrem neuen Roman eine Reise nach Süditalien, in einen staubig-heißen Sommer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aber am besten erzählt euch die Autorin selbst, worum es geht:

In deinen früheren Romanen spielte das typisch britische „upstairs-downstairs“-Leben der Charaktere eine wichtige Rolle. In Italienische Nächte wechselst du nun das Setting: Vom England des 18./19. Jahrhunderts nach Apulien in den 1920er Jahren. Wie kam es dazu?

Die erste Inspiration für Italienische Nächte gab mir ein altes Foto, das ich in einem Trödelladen fand. Darauf waren mehrere Bettler und ein merkwürdiges, kolonialistisches Steinhaus. Beschriftet war es mit „Alberobello, 1920“. Ich fühlte mich sofort inspiriert herauszufinden, wer diese Menschen waren und wo Alberobello liegt. So lernte ich Apulien kennen und wusste sofort, dass dies mein nächster Schauplatz sein sollte. Nachdem ich in meinen letzten vier Büchern über England geschrieben habe, wollte ich etwas anderes ausprobieren. Es ist natürlich nicht leicht, sich tief in einen Ort hineinzufühlen, in dem man eine Fremde ist. Daher ergänzte ich einige englische Figuren in meiner Geschichte, um die „Außenseiter“-Perspektive zu bedienen.

In gewisser Hinsicht ist dein neuester Roman düsterer als deine vorherigen Bestseller. Auch beschreibst du Süditalien bzw. Apulien im Sommer als unglaublich heiß und unwirtlich, mit einer ausgedörrten, kargen Landschaft und verschlossenen Menschen.  Hast du während deiner Recherche vor Ort auch diese Erfahrung gemacht – oder wie hast du das heutige Apulien vorgefunden (und hast du dort einen Lieblingsort oder –platz?)?

Ich glaube, diese Geschichte ist ernster als die vorherigen, weil die Informationen, die ich bei meiner Recherche aufdeckte, so ernst waren. 1921 war ein wirklich schreckliches Jahr für den Großteil der Bevölkerung in Apulien, und ich wollte versuchen, diesem Gedächtnis gerecht zu werden. Doch ich hoffe natürlich, dass meine Leser das Buch mit einem positiven Gefühl zuklappen.

Auf meiner Reise nach Apulien war mein Eindruck, dass das Gebiet noch immer arm ist, wobei es sicher kein Vergleich zu damals ist. Es ist noch immer sehr trocken, die Landschaft ist härter und weniger pittoresk als im restlichen Italien. Ich fand es dennoch schön dort – eine harte Schönheit, besonders am Ende des Tages, wenn das Sonnenlicht weicher wird. Die Menschen sind wundervoll – charmant, freundlich, entspannt. Und das Essen war da beste, das ich je gegessen habe!

Du hast u.a. einige Zeit in Venedig gelebt und sprichst Italienisch – war das für deine Recherchen hilfreich?

Sehr sogar! Wobei in Italien sehr viele verschiedene Dialekte gesprochen werden. Manchmal, wenn ich eine venezianische Vokabel benutzt habe, hat mich niemand verstanden – geschweige denn ich die Einheimischen, wenn sie in ihrem apulischen Dialekt gesprochen haben. Ich konnte die Menschen dennoch kennenlernen, mit ihnen reden und viele erzählten mir freigebig die Geschichten ihrer Eltern und Verwandten, die in der damaligen Zeit gelebt haben, oder luden mich in ihre alten Farmhäuser ein – in die masserie. Es war so eine wertvolle Erfahrung für mich.

Katherine, du bist bekannt dafür, überraschende Momente und völlig unvorhersehbare ‘turnarounds’ in deine Romane einzuarbeiten. Liebst du es, deine Leserinnen und Leser zu überraschen?

Absolut! Ich erschaffe gerne eine Ahnung von Verborgenem und Geheimem in meinen Geschichten, sodass der Leser bis zum Schluss in Atem gehalten wird.

Hast du in Italienische Nächte einen Lieblingscharakter? Und wenn ja – warum?

Während des Schreibens lerne ich alle meine Figuren sehr gut kennen und sie wachsen mir ans Herz – sogar die schlimmen! In diesem Buch liebte ich es, über Paola zu schreiben. Sie ist so stark und stur. Auch die enge Bindung zwischen Clare und Pip hat mir Freude gemacht und wie sie sich im Laufe der Geschichte verändert. Aber wenn ich ehrlich sein soll, war ich am Ende ein bisschen in Ettore verliebt. Wie auch nicht?

Und abschließend: Für deutschsprachige Leser ist es immer wieder sehr überraschend, zu hören, dass es im heutigen England nach wie vor  ein existierendes „upstairs-downstairs“-Leben auf besonders vermögenden Anwesen gibt.  Da du mehrere Jahre als ‘house keeper’ auf verschiedenen Gütern gearbeitet hast, was würdest du sagen? Ist dieser Lebensstil in Großbritannien nach wie vor üblich und akzeptiert, oder verschwindet diese Art zu leben immer mehr?

Sie verschwindet zusehends. Nur ganz wenige der sehr Reichen haben noch Diener und behandeln diese auf eine altmodische Weise. Obwohl sich der Großteil mittlerweile als standesgleich mit ihren Nachbarn versteht, gibt es trotz allem noch ein Bewusstsein für Klassen in der Gesellschaft. Manche glauben noch immer, sie ständen „über“ oder „unter“ ihren Mitmenschen. Ich persönlich hasse das und freue mich, dass die Klassenunterschiede langsam verschwinden. Wobei interessanterweise in meiner Erfahrung die Haushalte mit den schärfsten „upstairs-downstairs“-Arrangements oft nicht britisch sind! Reiche Ausländer scheinen dieses alte Bild der britischen Gesellschaft gerne nachzustellen.

Danke dir für dieses aufschlussreiche Gespräch!

Danke dir! Und ich hoffe, dass den deutschen Lesern mein Buch gefällt. Katherine x

Foto: ©Hartmuth Schröder

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