Alle Artikel in: Kolumne

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Raus damit!

Eigentlich ist alles gesagt zur Me-too-Debatte, doch es ist nie zu spät für einen Appell. Am Anfang, als das mit Harvey Weinstein losging, dachte ich noch, dass die jungen Damen vielleicht schlecht beraten wurden. Wieso erlaubten deren Agenten, dass das Vorstellungsgespräch nachts im Zimmer dieses dicken Mannes stattfand? Jeder schien zu wissen, was Weinstein mit jungen Frauen tat. Warum haben sie sich dennoch darauf eingelassen? Für eine Rolle? Dafür riskierten sie vergewaltigt zu werden? Mir wurde erst später im Verlauf der vielen Debatten klar, dass alles immer wieder eine Frage der Macht ist. Die Spielregeln werden von demjenigen diktiert, der ganz oben sitzt und das ist meistens ein Mann. In fast allen Unternehmen der Welt, in jeder Branche. Zur Macht kommt physische Stärke und dabei sind Frauen oft die Verlierer. Ja, das alles sind Binsenweisheiten, aber sind sie dadurch weniger wahr? Die Me-too-Debatte hat gezeigt, dass es wichtig ist, dieses Missverhältnis anzuprangern und diejenigen zu bestrafen, die ihre Macht missbrauchen. Erst dadurch dringt in unser aller Bewusstsein, dass wir etwas ändern können und nicht schwach sind. …

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Hast du keinen Friseur, dem du das erzählen kannst?

Neulich sagte eine junge Kollegin: „Ich hasse Friseure!“  Interessiert schaute ich auf ihre schönen langen naturblonden Haare und fragte nach dem Grund: „Ach, die können es doch nie richtig, und dann muss ich noch so viel dafür bezahlen.“  Recht hat sie, dachte ich und erinnerte mich an damals, als die Friseurin mir den Pony so kurz schnitt, dass ich eine Woche nicht in die Schule gehen konnte. Seitdem bin ich nirgends so kleinlaut wie beim Friseur. Ich fühle mich schon schlecht, wenn ich beim Eintreten diese Mischung aus Shampoo und Föhnluft rieche. Auf das freundliche „Na, was machen wir denn heute?“ von Inga kann ich nur meinen zu Hause geprobten Text erwidern: „Nicht zu kurz, bitte, und den Blondton diesmal nicht zu hell“. Ich merke, wie Inga ein falsches Lächeln aufsetzt, und versuche zu erklären, dass der Schnitt letztes Mal gut, aber eine Spur zu kurz war und dass ich vielleicht zu alt für das Dotterblond bin, das die nachwachsenden grauen Haare nur noch grauer erscheinen lässt. Es hilft nichts, sie lächelt weiterhin und findet …

Weihnachten

Besinnlich scheitern

So war das auch mit dem Adventskalenderprojekt. Eigentlich wollte ich ein Last-Minute-DIY-Tutorial für euch schreiben, aber Pustekuchen. Stattdessen kommt eine eilige email rein, die schnell beantwortet werden muss, die Besprechung dauert länger als geplant, das Kind muss auch noch vom Kindergarten abgeholt werden, einkaufen war ich auch noch nicht, und es kündigt sich auch noch spontaner Besuch am Abend an. Somit platzt der ganze Tagesplan. Da hilft es nur noch, alle Waffen zu strecken, sich erst mal eine Tasse Tee zu machen und sich dabei in Ruhe einen Plan B zu überlegen. Hatte ich doch erst letzte Woche einen tollen Vortrag von Rebekka Reinhard gehört, die an all die Frauen da draußen appellierte, ihren selbst auferlegten Perfektionismus endlich bleiben zu lassen. Den Drang, immer alles schaffen zu wollen und das auch noch möglichst perfekt und pünktlich. Kein Wunder, dass sich da der Stress ganz selbstverständlich gleich dazugesellt. Daher dachte ich mir, was soll’s, dann eben kein Last-Minute-Adventskalenderprojekt, sondern einfach mal zugeben: Ich schaffe es nicht! Schließlich ist Weihnachten die Zeit der Besinnlichkeit. Und dieses Gehechel am …

Pommes mit …, dazu Dosenmilch-Kaffee und eine Gummischlange – die Schwimmbadsaison ist eröffnet

Sonntag, Sonne, See, das ist das Sommerprogramm in meinem Freundeskreis. Man frühstückt gemütlich auf dem Balkon, schmiert dann Brote für unterwegs, packt die Badesachen ein, und nach zehn WhatsApps mit zwanzig Leuten, die auch alle mitmöchten, sitzt man gegen zwölf endlich im heißen Auto. Eigentlich könnte man auch zu Fuß gehen, denn schon auf der Donnersbergerbrücke steht jeder im Stau. Macht nichts, der Weg ist das Ziel, und wenn man nach einer weiteren Stunde einen Parkplatz weit weg vom See gefunden hat und auf der überfüllten Liegewiese die Decke ausbreiten kann, ist der Stress vergessen. Ich klinke mich aus dieser Sonntagsplanung immer öfter aus und fahre stattdessen ins Freibad. Nach einem schnellen Kaffee schnalle ich meinen praktischen Klappstuhl aufs Fahrrad und sause morgens um 9:30 Uhr durch fast leere Straßen. Um diese Zeit gibt es noch keine langen Schlangen an den Kassen, € 3,60 werden gezahlt und dann rein ins Vergnügen. Die älteren Herrschaften mit sonnengegerbter Haut haben ihre Plätze bereits eingenommen, auf ihren mitgebrachten Liegen finden sich Rätselhefte und die Bild am Sonntag. Die …

Hilfe! Ich werde wie meine Mutter!

Es gibt die These, dass man mit zunehmendem Alter die Wesenszüge seiner Eltern annimmt und sich irgendwann auch deren Lebensansichten zu eigen macht. Vor einiger Zeit traf ich zufällig auf eine ehemalige Kommilitonin. Was ihr als erstes an mir auffiel, war meine natürliche Haarfarbe. Vielleicht muss ich dazu folgende Erklärung abgeben: zu Studienzeiten hat es keinen einzigen Farbton zwischen ‚Latte Macchiato‘ und ‚Sweet Brownie‘ gegeben, mit dem meine Haare (und die Badfliesen) nicht in Berührung gekommen sind. Inzwischen habe ich die Suche nach dem perfekten Braunton aufgegeben – sehr zu Anjas Verwunderung. Ich erklärte ihr daraufhin, dass das Färben für die Haare auf Dauer nur schädigend sei, und dass meine natürliche Haarfarbe ohnehin am besten zu mir passe. Noch im selben Moment wurde mir klar: „Ich höre mich an wie meine Mutter!“ Das war das erste Mal, dass ihre Worte originalgetreu aus meinem Mund kamen. Von Zeit zu Zeit häufte sich dieser Umstand. So habe ich kürzlich festgestellt, dass ich schon seit Monaten nicht mehr ausgegangen bin („weil man tags darauf einfach zu nichts mehr …

Ghosting – oder Vom Verschwinden der Männer

Neulich erzählte mir eine Bekannte, dass ihre Tochter mit deren Freund in eine andere Stadt gezogen ist, und nur drei Wochen nachdem das Paar die gemeinsame Wohnung eingerichtet hatte, wurde sie verlassen. Wohlgemerkt ohne eine hinreichende Erklärung. Nach sieben Jahren Beziehung. Es fielen nur Sätze wie „Es geht nicht mehr, wir müssen uns trennen“, dann war er weg. Wie ein Geist. Junge Leute bezeichnen dieses Verhalten als ghosting. Eine treffende Vokabel für ein altbekanntes Phänomen. Und klar, es sind nicht immer nur die Männer, die vom Zigarettenholen nicht zurückkommen oder sich plötzlich auf allen Kanälen tot stellen. Sicher gibt es unter uns Frauen auch ein paar ghosting-Schafe, aber gemeinhin haben die Träger des xy-Chromosoms in diesem Punkt die schlechteren Karten. Eine Autorin zum Beispiel hat vor einiger Zeit bei Tinder einen wirklich netten Mann kennengelernt. Okay, er war Polizist und hat immer mal wieder etwas von undercover gefaselt, aber er war romantisch und in jeder Hinsicht aufmerksam. Bis er eines Tages verschwand. Sie machte sich Sorgen, versuchte ihn ausfindig zu machen – Fehlanzeige. Der Typ …

Frankfurt

Meine erste Buchmesse

Im Büro fühlt es sich gerade so an, als würden wir der größten Party des Jahres entgegenfiebern. Ich weiß nicht, was ich anziehen soll, welche Schuhe am geeignetsten sind, welche Themen in einen Small Talk gepackt werden müssen. Was man halt so alles bei einer großen Sause beachten muss. Aber mal im Ernst. Die Buchmesse rückt näher und die Atmosphäre im Büro hat sich unmerklich geändert. Alle scharren mit den Hufen, warten auf den nächsten heißen Deal. Und wenn dann Lesestoff kommt, stürzen wir uns drauf. Schnell lesen, bewerten und kaufen. Oder eben nicht. Als krönenden Abschlusses eines doch sehr aufregenden Monats geht es dann auf zur Buchmesse. Züge werden gebucht, Koffer gepackt und die Reise wird angetreten. Und die Frage: Was passiert dann eigentlich in Frankfurt? Es scheint so, als würde man ganz viele Leute treffen. Man hat im Vorfeld natürlich Termine ausgemacht. Und leider scheinen diese an den unterschiedlichsten Ständen auf dem Messegelände stattzufinden. Meine Kollegen haben mich schon vorgewarnt: So viel läuft man im ganzen Jahr nicht. Also gut, worauf kommt es also …

Kanada

Der Sommer der Entschleunigung

Heutzutage kann man keine Zeitschrift mehr aufschlagen, ohne dass dort 100 Tipps und Tricks zum Thema Entschleunigung gegeben werden.Und gerade in der Sommer-Urlaubszeit gibt es vielfältige Orte, wo alles langsamer und achtsamer zugehen soll. Mich hat diese Suche nach Ruhe und Gemütlichkeit immer schon extrem gestresst. Vielleicht, weil ich ein Reisemuffel mit einem Allerweltsgeschmack bin und immer dort nach Entschleunigung suchte, wo alle anderen auch schon waren. Zum Beispiel an der Adria im August. Durch Zufall verschlug es mich dieses Jahr nach Kanada. Auf eine einsame Insel, weit weg von Vancouver. In eine Yurte (eine Art Zelt in Großformat), ohne fließend Wasser und natürlich auch ohne Flashy (übersetzt WC, sprich, es gab nur ein P…-Klo). Die netten Gastgeberinnen boten mir an, eimerweise Blaubeeren zu ernten und mich für das Abendessen im Gemüsegarten zu bedienen. Gemeinsam versuchten wir, die Waschbären davon abzuhalten, den Pflaumenbaum zu plündern und scheiterten kläglich. Zwischendurch ging ich im kalten Meer schwimmen, erkundete Wälder, in denen ich völlig allein war oder machte einfach nichts. Nach einer Woche stellte ich fest, dass ich …

Der Froschkönig, oder wie sag ich es dem Kinde

Gestern kamen meine Nachbarinnen zu Besuch und jede hatte eine Gießkanne in Form eines Frosches in der Hand. Beide Froschgießkannen hatten eine goldene Plastikkrone auf dem Kopf. Emily und Sophia sind vier und zwei und wollten mir helfen, die frisch eingepflanzten Blumen zu gießen. Vergnügt gingen sie ans Werk. Aus den Froschmündern kam ein dünner Wasserstrahl, der meistens daneben zielte. So wurde vor allem der Balkon nass, während die Blumen leer ausgingen. Wir hatten trotzdem unseren Spaß. Anschließend setzte ich beide Kinder aufs Sofa und fragte: Kennt ihr das Märchen vom Froschkönig? Die kleine Sophia sagt meistens nein, weil sie das Wort schön findet, aber als auch Emily den Kopf schüttelte, sah ich mich in der Pflicht, den Damen eine Nachhilfestunde zu geben. „Es war einmal“, begann ich, und erzählte die abstruse Geschichte von dem dicken ekligen Frosch, der geküsst werden wollte. Gebannt hörte Emily zu und verzog angeekelt das Gesicht, als sie ihre Gießkanne anschaute.  Sophia verstand die Story sicher noch nicht, antwortete aber auf die Frage: „Magst du mich auf meinen Froschmund küssen“ …

Alles neu im neuen Jahr? Bloß nicht!

Ich bin kein Freund von Veränderungen. Spontanität und Überraschungen meide ich wie der berühmte Teufel das Weihwasser. Ich würde nie eine Last-minute-Reise buchen aus Angst, mir könnte das Hotel nicht gefallen, ein Blind-Date käme für mich nicht infrage und wer meint, er müsse mir mit einer ungeplanten Party eine Freude machen, der wird bitter enttäuscht sein. Dieser unangenehme Charakterzug macht sich auch im Job bemerkbar. Hauptsache, alles geht seinen gewohnten Gang, ist auch hier meine Devise. Deshalb bin ich auch bei neuen Kollegen immer erst mal skeptisch. Die müssen mich zunächst siezen, besser erst mal Abstand halten, man weiß ja nie … Einer jungen Frau fiel meine Distanziertheit scheinbar gar nicht auf und sie sagte gleich ihre Meinung. Wohlgemerkt, bevor ich als Chefin mein Urteil abgegeben hatte. „Das Cover ist doch nix“, sagte sie, oder: „Der Text funktioniert so gar nicht!“ Dabei wechselte sie binnen Minuten dreimal ihre Frisur, mal wurde ein Dutt gedreht, dann ein Pferdeschwanz gemacht, um dann etwas später die ganze Haarpracht einfach offen fließen zu lassen. Innerlich rang ich um Fassung …