Alle Artikel in: Kolumne

Hilfe! Ich werde wie meine Mutter!

Es gibt die These, dass man mit zunehmendem Alter die Wesenszüge seiner Eltern annimmt und sich irgendwann auch deren Lebensansichten zu eigen macht. Vor einiger Zeit traf ich zufällig auf eine ehemalige Kommilitonin. Was ihr als erstes an mir auffiel, war meine natürliche Haarfarbe. Vielleicht muss ich dazu folgende Erklärung abgeben: zu Studienzeiten hat es keinen einzigen Farbton zwischen ‚Latte Macchiato‘ und ‚Sweet Brownie‘ gegeben, mit dem meine Haare (und die Badfliesen) nicht in Berührung gekommen sind. Inzwischen habe ich die Suche nach dem perfekten Braunton aufgegeben – sehr zu Anjas Verwunderung. Ich erklärte ihr daraufhin, dass das Färben für die Haare auf Dauer nur schädigend sei, und dass meine natürliche Haarfarbe ohnehin am besten zu mir passe. Noch im selben Moment wurde mir klar: „Ich höre mich an wie meine Mutter!“ Das war das erste Mal, dass ihre Worte originalgetreu aus meinem Mund kamen. Von Zeit zu Zeit häufte sich dieser Umstand. So habe ich kürzlich festgestellt, dass ich schon seit Monaten nicht mehr ausgegangen bin („weil man tags darauf einfach zu nichts mehr …

Ghosting – oder Vom Verschwinden der Männer

Neulich erzählte mir eine Bekannte, dass ihre Tochter mit deren Freund in eine andere Stadt gezogen ist, und nur drei Wochen nachdem das Paar die gemeinsame Wohnung eingerichtet hatte, wurde sie verlassen. Wohlgemerkt ohne eine hinreichende Erklärung. Nach sieben Jahren Beziehung. Es fielen nur Sätze wie „Es geht nicht mehr, wir müssen uns trennen“, dann war er weg. Wie ein Geist. Junge Leute bezeichnen dieses Verhalten als ghosting. Eine treffende Vokabel für ein altbekanntes Phänomen. Und klar, es sind nicht immer nur die Männer, die vom Zigarettenholen nicht zurückkommen oder sich plötzlich auf allen Kanälen tot stellen. Sicher gibt es unter uns Frauen auch ein paar ghosting-Schafe, aber gemeinhin haben die Träger des xy-Chromosoms in diesem Punkt die schlechteren Karten. Eine Autorin zum Beispiel hat vor einiger Zeit bei Tinder einen wirklich netten Mann kennengelernt. Okay, er war Polizist und hat immer mal wieder etwas von undercover gefaselt, aber er war romantisch und in jeder Hinsicht aufmerksam. Bis er eines Tages verschwand. Sie machte sich Sorgen, versuchte ihn ausfindig zu machen – Fehlanzeige. Der Typ …

Frankfurt

Meine erste Buchmesse

Im Büro fühlt es sich gerade so an, als würden wir der größten Party des Jahres entgegenfiebern. Ich weiß nicht, was ich anziehen soll, welche Schuhe am geeignetsten sind, welche Themen in einen Small Talk gepackt werden müssen. Was man halt so alles bei einer großen Sause beachten muss. Aber mal im Ernst. Die Buchmesse rückt näher und die Atmosphäre im Büro hat sich unmerklich geändert. Alle scharren mit den Hufen, warten auf den nächsten heißen Deal. Und wenn dann Lesestoff kommt, stürzen wir uns drauf. Schnell lesen, bewerten und kaufen. Oder eben nicht. Als krönenden Abschlusses eines doch sehr aufregenden Monats geht es dann auf zur Buchmesse. Züge werden gebucht, Koffer gepackt und die Reise wird angetreten. Und die Frage: Was passiert dann eigentlich in Frankfurt? Es scheint so, als würde man ganz viele Leute treffen. Man hat im Vorfeld natürlich Termine ausgemacht. Und leider scheinen diese an den unterschiedlichsten Ständen auf dem Messegelände stattzufinden. Meine Kollegen haben mich schon vorgewarnt: So viel läuft man im ganzen Jahr nicht. Also gut, worauf kommt es also …

Kanada

Der Sommer der Entschleunigung

Heutzutage kann man keine Zeitschrift mehr aufschlagen, ohne dass dort 100 Tipps und Tricks zum Thema Entschleunigung gegeben werden.Und gerade in der Sommer-Urlaubszeit gibt es vielfältige Orte, wo alles langsamer und achtsamer zugehen soll. Mich hat diese Suche nach Ruhe und Gemütlichkeit immer schon extrem gestresst. Vielleicht, weil ich ein Reisemuffel mit einem Allerweltsgeschmack bin und immer dort nach Entschleunigung suchte, wo alle anderen auch schon waren. Zum Beispiel an der Adria im August. Durch Zufall verschlug es mich dieses Jahr nach Kanada. Auf eine einsame Insel, weit weg von Vancouver. In eine Yurte (eine Art Zelt in Großformat), ohne fließend Wasser und natürlich auch ohne Flashy (übersetzt WC, sprich, es gab nur ein P…-Klo). Die netten Gastgeberinnen boten mir an, eimerweise Blaubeeren zu ernten und mich für das Abendessen im Gemüsegarten zu bedienen. Gemeinsam versuchten wir, die Waschbären davon abzuhalten, den Pflaumenbaum zu plündern und scheiterten kläglich. Zwischendurch ging ich im kalten Meer schwimmen, erkundete Wälder, in denen ich völlig allein war oder machte einfach nichts. Nach einer Woche stellte ich fest, dass ich …

Der Froschkönig, oder wie sag ich es dem Kinde

Gestern kamen meine Nachbarinnen zu Besuch und jede hatte eine Gießkanne in Form eines Frosches in der Hand. Beide Froschgießkannen hatten eine goldene Plastikkrone auf dem Kopf. Emily und Sophia sind vier und zwei und wollten mir helfen, die frisch eingepflanzten Blumen zu gießen. Vergnügt gingen sie ans Werk. Aus den Froschmündern kam ein dünner Wasserstrahl, der meistens daneben zielte. So wurde vor allem der Balkon nass, während die Blumen leer ausgingen. Wir hatten trotzdem unseren Spaß. Anschließend setzte ich beide Kinder aufs Sofa und fragte: Kennt ihr das Märchen vom Froschkönig? Die kleine Sophia sagt meistens nein, weil sie das Wort schön findet, aber als auch Emily den Kopf schüttelte, sah ich mich in der Pflicht, den Damen eine Nachhilfestunde zu geben. „Es war einmal“, begann ich, und erzählte die abstruse Geschichte von dem dicken ekligen Frosch, der geküsst werden wollte. Gebannt hörte Emily zu und verzog angeekelt das Gesicht, als sie ihre Gießkanne anschaute.  Sophia verstand die Story sicher noch nicht, antwortete aber auf die Frage: „Magst du mich auf meinen Froschmund küssen“ …

Alles neu im neuen Jahr? Bloß nicht!

Ich bin kein Freund von Veränderungen. Spontanität und Überraschungen meide ich wie der berühmte Teufel das Weihwasser. Ich würde nie eine Last-minute-Reise buchen aus Angst, mir könnte das Hotel nicht gefallen, ein Blind-Date käme für mich nicht infrage und wer meint, er müsse mir mit einer ungeplanten Party eine Freude machen, der wird bitter enttäuscht sein. Dieser unangenehme Charakterzug macht sich auch im Job bemerkbar. Hauptsache, alles geht seinen gewohnten Gang, ist auch hier meine Devise. Deshalb bin ich auch bei neuen Kollegen immer erst mal skeptisch. Die müssen mich zunächst siezen, besser erst mal Abstand halten, man weiß ja nie … Einer jungen Frau fiel meine Distanziertheit scheinbar gar nicht auf und sie sagte gleich ihre Meinung. Wohlgemerkt, bevor ich als Chefin mein Urteil abgegeben hatte. „Das Cover ist doch nix“, sagte sie, oder: „Der Text funktioniert so gar nicht!“ Dabei wechselte sie binnen Minuten dreimal ihre Frisur, mal wurde ein Dutt gedreht, dann ein Pferdeschwanz gemacht, um dann etwas später die ganze Haarpracht einfach offen fließen zu lassen. Innerlich rang ich um Fassung …

Besinnlich scheitern

Kennt ihr das? Jedes Jahr nehme ich mir vor, alles rechtzeitig zu organisieren, um nicht in den vorweihnachtlichen Stress zu geraten. Und dann kommt immer irgendwie das Leben dazwischen, und alle guten Vorsätze sind dahin. So war das auch mit dem Adventskalenderprojekt. Eigentlich wollte ich ein Last-Minute-DIY-Tutorial für euch schreiben, aber Pustekuchen. Stattdessen kommt eine eilige email rein, die schnell beantwortet werden muss, die Besprechung dauert länger als geplant, das Kind muss auch noch vom Kindergarten abgeholt werden, einkaufen war ich auch noch nicht, und es kündigt sich auch noch spontaner Besuch am Abend an. Somit platzt der ganze Tagesplan. Da hilft es nur noch, alle Waffen zu strecken, sich erst mal eine Tasse Tee zu machen und sich dabei in Ruhe einen Plan B zu überlegen. 

Warum wir die bessere Hälfte suchen

Heute am Welttag der Philosophie scheint es mir wichtig, einen Moment innezuhalten. Was kann uns die Philosophie heute noch mitteilen? Haben wir nicht längst die „Liebe zur Weisheit“ verloren? Keine Ahnung, denke ich und frage mich, was das sein soll – „Weisheit“? Das Bestreben, die Welt und die menschliche Existenz zu ergründen, fand ich immer schon sehr abstrakt. Der kategorische Imperativ von Kant ist schon sehr viel praktischer, aber ganz im Ernst. Wann habe ich je nach derjenigen Maxime gehandelt, durch ich zugleich wollen konnte, dass sie allgemeines Gesetz würde? Obwohl … Erst gestern habe ich eine alte Frau auf dem Fahrrad ermahnt, als sie über eine rote Ampel fuhr – war das gemeint? Im Gedächtnis geblieben ist mir allerdings das mythische Wesen der Antike: der Kugelmensch. Platon beschreibt ihn im Symposion. Demnach waren die Menschen ursprünglich Kugeln mit zwei Köpfen und acht Gliedmaßen. Sie waren stark und mächtig und somit ein Dorn im Auge des Gottes Zeus. Also zerschnitt er diese fast gottgleichen Menschen in zwei Teile. Seitdem – so der Mythos – suchen …

Heute ist nicht alle Tage

Wenn der Sommer definitiv vorbei ist und sich die kalte Jahreszeit mit Dauerregen und grauen Tagen ankündigt, haben wir nichts mehr zu lachen. Die erste Erkältungswelle erfasst die Kollegen, wer trotzdem noch Fahrrad fährt, sieht mit Daunenjacke und Pudelmütze aus, als würden drei Wochen Antarktis bevorstehen. Den Herbst, da sind sich alle einig, will niemand. Klar, das bunte Laub ist hübsch, aber danach sind die Bäume kahl und alles ist dunkel. Woran liegt es, dass ich nicht in das allgemeine Wehklagen einstimmen kann? Ich liebe dieses nasskalte Wetter, finde den Nebel am Morgen erfrischend und die langen Abende gemütlich. Endlich kann ich wieder warme Pullover anziehen und meine ohnehin große Schalsammlung noch durch ein paar Zukäufe erweitern. Ich muss nicht mehr wöchentlich meine Fußnägel lackieren und brauche nur noch einmal täglich zu duschen. Vorbei ist es mit dem blöden Salat, jetzt gibt es nahrhafte Eintöpfe und dazu den leckeren Rotwein, der jeden Weißwein alt aussehen lässt. Am Wochenende muss ich nicht mehr früh aufstehen, um ohne Stau an den See zu kommen. Ich bleibe einfach …

Zeichen und Wunder

Es gibt sie ja: Menschen, die nicht lesen. Meine Schwester zum Beispiel gehört dazu. Während ich mich unsere ganze Kindheit lang nirgendwo wohler fühlte als in einer Bibliothek und zuhause mein Bücherregal wie einen Schatz hütete, konnte sie ein Buch nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Als ich älter wurde, leuchtete mir neben dem Spaß auch der Sinn des Lesens völlig ein, und ich – ganz große Schwester – beschenkte sie regelmäßig zu Geburtstag, Weihnachten und Ostern mit Kinder- und Jugendbüchern. Alle von Herzen ausgewählt, war ich doch überzeugt, dass sie einfach noch nicht die richtige Lektüre gefunden hatte. Die Geschenke wurden mit einem Seufzen ausgepackt, mit einem gequälten Lächeln begutachtet und verschwanden im Regal, um zu verstauben. Irgendwann, meine Schwester war inzwischen ein Teenager, gab ich auf. Keine Geschenke, keine Anspielungen, keine Versuche mehr. Wenn sie sich unbedingt um das Glück des Lesens bringen wollte, gut! Ich wollte ihr dabei nicht mehr im Weg stehen, immerhin war sie fast erwachsen. Von außen betrachtet zumindest schien ihr Leben auch ganz in Ordnung zu sein, ohne Bücher, …