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The Making of „Ein Sommer und ein ganzes Leben“

Kristina Valentin

Kristina Valentin hat mit Ein Sommer und ein ganzes Leben eine ganz besondere Liebesgeschichte geschrieben. Im Gespräch mit ihrer Lektorin Carolin Klemenz erzählt sie von dem Roman, ihrer Recherche und dem Lektoratsprozess.

Carolin: Liebe Kristina, was für eine besondere Geschichte! Als du zum ersten Mal von dieser Romanidee erzählt hast, wusste ich sofort, dass wir dieses Buch gemeinsam veröffentlichen müssen.  Wie bist du darauf gekommen?

Kristina: Mein Romanheld David Rosenberg und somit die Idee zu diesem Roman kamen durch eine extrem kuriose Situation in mein Leben. Ich war mit einer Freundin einen Kaffee trinken. Sie benutzt, wie David, einen Rollstuhl. Die Kellnerin kam, guckte mich an und fragte wortwörtlich: „Was will die trinken?“ Damit meinte sie meine Freundin. Was für eine gruselige Situation. Meiner Freundin, die alles kann und tut, ein ganzes Leben lebt, wurde einfach mal ihre Eigenbestimmung abgesprochen. Weil sie im Rollstuhl sitzt. Ich war erst empört, dann sprachlos. Unsere Vermutung: Menschen mit Behinderung sind in der Öffentlichkeit zu wenig sichtbar, genau wie in Literatur und Film. Und wenn sie irgendwo auftauchen, dient die Behinderung oft als Projektionsfläche für Leid und Schmerz oder es gilt, die Behinderung zu überwinden. Das hat ja nichts mit der Lebensrealität von zehn Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland zu tun. So ist letztendlich dieser Roman entstanden und David hat sich als der perfekte Held entpuppt. Mit seiner Behinderung, nicht trotz.

Carolin: Mir hat auf Anhieb gefallen, wie komplex David als Figur ist. Seine Behinderung ist ein Teil von ihm, klar, aber eben auch nur das. Er ist außerdem hinreißend charmant, klug, gut aussehend, er versteht Menschen unheimlich schnell und begegnet allen mit Respekt … Du siehst, ich komme schon ganz ins Schwärmen …

Kristina: Seine positiven Eigenschaften sind mir auch als erstes in die Kapitel geflossen. Das war leicht, viel schwerer war es, ihm seine dunklen Geheimnisse zu entlocken. Das war ein hartes Stück Arbeit, aber er hat sich zu einer Figur entwickelt, mit dem ich mich gerne mal auf einen Kaffee treffen würde.

Carolin: Ich komme mit 😉 Dass er schon einiges erlebt hat im Leben, dass es da auch dunkle Seiten gibt, das verbindet ihn mit Katharina. Auch sie geht ja alles andere als offen mit ihrer Vergangenheit um.

Ein Sommer und ein ganzes Leben

Kristina: Ja. Lange Zeit hat sie alles, was mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte, feinsäuberlich in eine Schublade gepackt und dort verwahrt. Alleinerziehend und mit ständigen Existenzsorgen, die eine Selbständigkeit mit sich bringt, hatte sie einfach keine Zeit, sich mit ihrem Schmerz und Kummer zu befassen. Erst durch die Begegnung mit David bricht dieser Blockade langsam auf und ihre Erkenntnisse haben mich beim Schreiben tief berührt. Manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit.

Carolin: Die Liebe scheint ja auch Zeit zu brauchen für die beiden. Da gibt es eine erste romantische Nacht im Garten, aber dann warten da noch einige Hindernisse. So einfach machst du es den beiden nicht …

Kristina: Geliebt zu werden macht uns stark, aber um wirklich lieben zu können, braucht man manchmal Mut. Den müssen beide erst mal fassen und das geht nicht auf zehn Seiten. Dafür braucht es manchmal einen ganzen Roman. Vielen Leserinnen hat genau dieser Aspekt gut gefallen und es fühlte sich beim Schreiben einfach richtig an, den beiden diese Zeit zu lassen.

Carolin: Ich weiß, dass du für diesen Roman eine ganz besondere Recherche gemacht hast. Magst du davon erzählen?

Kristina: Dieser Roman hat mich herausgefordert und Davids Behinderung, der inkomplette Querschnitt ebenso. Ich habe tagelange in Foren mitgelesen, mit Menschen mit Behinderung gesprochen, Fragen gestellt, Antworten bekommen und habe trotzdem schnell gemerkt: Reicht alles nicht. Das reichte alles nicht aus, um Davids Situation auch nur ansatzweise zu fühlen.

Zu meinem großen Glück hat mir eine liebe Leserin, Susanna, Hilfe angeboten. Sie nutzt ebenfalls einen Rollstuhl und hatte noch einen zweiten. Sie hat mit mir ein Rollstuhltraining für Anfänger durchgezogen, das es in sich hatte. Viele Szenen haben sich dabei ergeben, wie der zugeparkte, einzige abgesenkte Bordstein in der Straße. Und dass es sich auf dem glatten Bodenbelag vom Supermarkt gut rollen lässt.

Kristina Valentin

Kristina Valentin beim Rollstuhltraining

Carolin: Gab es beim Schreiben große Überraschungen für dich? Ging das Buch irgendwann eine andere Richtung als ursprünglich gedacht?

Kristina: Davids Geschichte hat mich selber überrascht und wurde in Gänze erst klar, als seine Ex-Freundin auftauchte. Was für eine weitreichende und schwerwiegende Entscheidung er damals getroffen hat! Aber es passte zu ihm, so zu handeln. Nach der Szene musste ich allerdings erst mal einen Kaffee trinken und durchatmen.

Carolin: Ich finde ganz klasse, wie du mal gesagt hast, unsere Lektoratsarbeit sei wie Pingpong-Spielen. Daran muss ich oft denken, und dann freue ich mich jedes Mal. Denn Pingpong-Spielen kann durchaus anstrengend sein, manchmal geht einem die Puste aus, aber im Großen und Ganzen macht es einen Heidenspaß …

Kristina: Wenn ich ENDE unter die Geschichte geschrieben habe, mache ich für mich selber noch zwei Überarbeitungsdurchläufe. Ich spüre an einigen Stellen, dass die Geschichte noch unrund läuft, dass die emotionale Entwicklung noch nicht perfekt ist, der Spannungsbogen noch nicht sitzt. Wenn dann genau diese Stellen von meiner Lektorin mit Hammer, Hackebeil oder feinem Schleifpapier bearbeitet wurde, ist das toll. Und hart. Und anstrengend. 😉

Carolin: Oje, ich hoffe, ich habe den Hammer nicht zu oft benutzt! Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Lektoratsprozess für eine Autorin kein Wellness-Urlaub ist. Da kommt eine von außen und macht lauter kritische Bemerkungen, und mehr Arbeit hat man plötzlich auch noch …

Kristina: Lektoratsarbeit ist Vertrauenssache. Wenn ich Vertrauen in die Fähigkeiten meiner Lektorin habe, dass sie den Herzschlag der Geschichte fühlt, dass sie das Große und Ganze im Blick hat, ist der  Lektoratsprozess eine ganz schwungvolle Angelegenheit. Es verändert die Geschichte ja nicht, er macht sie nur klarer, feiner, tiefer.

Carolin: Das ist das Ziel, ja. Ich denke auch, es ist uns bei diesem Buch gelungen, in der Überarbeitung der Geschichte noch mehr auf den Grund zu gehen, das, was sie ausmacht, noch stärker herauszuarbeiten. Das war schon ein spannender Prozess. Ganz genau erinnere ich mich noch an dem Moment, als ich dir zum ersten Mal den Titelvorschlag geschickt habe. Wir haben so viel überlegt, du hattest ja erst auch ganz andere Ideen, und irgendwann wusste ich: „Ein Sommer und ein ganzes Leben“, der ist es! Der passt genau zu diesem Buch. Und dann habe ich gehofft und gebangt, dass du das auch so siehst …

Kristina Valentin mit Hund

Kristina: Ich musste ihn mir ein paar Minuten auf der Zunge zergehen lassen, bin durch das Büro gelaufen, habe den Titel meinen Hund vorgesprochen und dann gespürt, dass er perfekt ist. Ganz ehrlich? Das passiert nicht so oft. Was natürlich auch daran liegt, dass das Finden eines passenden Titels für einen Roman ungefähr mit den Fähigkeiten eines hochbegabten und kreativen Raketenantriebstechnikers einhergeht. Die Essenz einer ganzen Geschichte in eine Klappe und einen Titel einzudampfen, ist auch eine wirklich große Kunst.

Carolin: Für den Klappentext haben wir dann auch ein paar Anläufe gebraucht … mit unserem Ergebnis bin ich nun aber ganz zufrieden J  Apropos essenziell, ich hatte das Gefühl, dass der Sommer eine wesentliche Rolle in diesem Buch spielt. Im Winter wären sich Katharina und David ja gar nicht im Garten begegnet, oder?

Kristina: Katharinas Sehnsucht nach einem Garten, taunasser Rasen unter den nackten Füßen, Sommernächte unter einer alten Kastanie und der Blick zum Horizont, all das hätte im Winter einfach nicht funktioniert. Außerdem haben wir so lange Winter in Deutschland, da möchte ich wenigstens im Manuskript Sommer haben. Das war also purer Eigennutz.

Carolin: Danke, liebe Kristina, für dieses Gespräch. Ich hoffe, wir konnten euch, liebe Leserinnen und Leser, neugierig machen auf dieses Buch. Viel Spaß beim Lesen!

Foto Buch Valentin