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Autorin Leonie Steinberg im Gespräch

Leonie Steinberg Interview Nur Leben ist schöner

Was ist Ihr Kindheitstraum?

Da fällt mir nur der aus meiner frühen Jugend ein. Ich wollte Barry Gibb von den Bee Gees heiraten, mit ihm auf einem Schloss in England leben und als Stewardess um die Welt fliegen, während er auf Tournee geht. Hat alles nicht so richtig geklappt. Weder der Popstar noch das Schloss noch die Höhenflüge.

Ihr Lieblingsbuch in der Kindheit, Ihr Lieblingsbuch heute?

Ich war ein großer Fan von Hanni und Nanni und habe meine Familie erfolglos angefleht, mich auf ein Internat zu schicken. Als ich etwa zehn, elf Jahre war, habe ich mir die abgegriffenen Edgar-Wallace-Romane aus dem Bücherregal meiner Eltern geschnappt und abends heimlich gelesen. Weltklasse, dieses Gruseln bei der Lektüre von Die seltsame Gräfin! Heute schwankt meine Bandbreite als Leserin zwischen Charlotte Link und Thomas Mann, dessen Zauberberg nach wie vor mein Lieblingsbuch ist. Besonders berührt hat mich gerade Die hellen Tage von Zsuzsa Bánk.

Wie sieht Ihr Alltag als Autorin aus?

Früher waren meine kreativsten Stunden am späten Abend, wenn alle anderen schon schliefen, jetzt sind sie eher am frühen Morgen, wenn alle anderen noch schlafen. Es gibt Zeiten, da bin ich dankbar für jede Unterbrechung und sei es in Form von Fensterputzen. Das ist meist zu Beginn eines neuen Buches, wenn ich mich erstmal einschreiben muss. Je mehr es auf den Termin der Manuskriptabgabe zugeht (manchmal ist auch das Computerteil aus Hongkong, auf das man so dringend wartet, keine glaubhafte Ausrede mehr), desto unsozialer werde ich. Ich gehe nicht mehr ans Telefon, weigere mich, Gäste zu empfangen, frage mich, wieso wir seit neuestem Milchglasscheiben in den Fenstern haben, und gebe die Devise aus: „Keine Störung mehr, es sei denn, das Dach brennt!“ Interessiert im Grunde genommen aber auch niemanden. Generell bewundere ich jeden, der es schafft, im normalen Familienalltag zu Hause zu arbeiten und hätte gerne eine kleine Schreibmansarde nur für mich. Wo? In Paris.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Talent fürs Schreiben haben?

Es war im Zuge der Edgar-Wallace-Lektüre, dass ich damit begann, die äußerst hassenswerte Nachbarin meiner Eltern, die ungerechterweise Frau Engel hieß, in meinem ersten Krimi um die Ecke zu bringen. Ich weiß heute noch den ersten Satz. „Ihre viel zu großen Füße steckten in ausgelatschten Tretern.“ Da war ich zwölf. Das war vielleicht nicht gerade der größte Anflug von Talent, aber es weckte in mir den Wunsch zu schreiben, statt den Bee Gees und First-Class-Passagieren Tomatensaft zu servieren. Ich habe dann immer wieder mal Artikel für die Jugendseite unserer örtlichen Zeitung verfasst, bin später auf die Journalistenschule nach Hamburg gegangen, kam dann zum STERN und begann Ende der Neunziger mit der Arbeit an Romanen und Drehbüchern.

Was macht Ihnen beim Schreiben am meisten Spaß, was am meisten Arbeit? Was ist am schwierigsten?

Da ich das machen darf, was ich mag, überwiegt ganz klar der Spaß. Die größte Freude bereitet mir das Entwickeln der Charaktere, das Feilen an ihren kleinen Angewohnheiten und Macken und sprachlichen Eigenarten. Außerdem liebe ich es, eine Umgebung zu schildern, einen Raum, ein Haus, ein Hotel, eine Straße, eine Stadt, eine Landschaft. Und ich kann kein Buch schreiben, ohne über Essen zu schreiben. Liegt wohl daran, dass ich eine leidenschaftliche Köchin (am liebsten asiatisch) und eine vergnügte Esserin bin, die neben Ingwertee, Espresso und Wasser auch immer ein Leberwurstbrot mit Gewürzgürkchen auf dem Schreibtisch deponiert hat.

Mut ist ein zentrales Thema in Ihrem neuen Roman, erzählen Sie ein bisschen!

Meine Heldin Magda Ziegler entdeckt erst nach dem Tod ihrer dominanten Mutter, dass sie Flügel hat und fliegen kann. Als sie erfährt, mit welch perfiden Tricks ihre Mutter ihr die Luft zum Atmen nahm, hält sie nichts mehr. Sie fängt an, ihr Leben umzukrempeln, auch wenn ihr neues Dasein – wie jede große Reise – mit kleinen Schritten beginnt. Ab jetzt tut sie Dinge, die die brave Supermarktverkäuferin Magda früher niemals getan hätte. Sie pfeffert die Jagdwurst in die Ecke, besorgt sich eine Krankschreibung, trifft sich mit Leuten, die nichts mit ihrem Leben zu tun haben, dafür aber, aufgrund eines gemeinsamen Begräbnisbaumes im Friedwald, später einmal umso mehr mit ihrem Tod. Sie reist mit einem älteren Herrn nach Paris, erlebt dort die Liebe zu einem jungen Concierge, sinnliche Tage, ekstatische Nächte, kommt zurück, schmeißt den Job an der Wursttheke und verwirklicht zu guter Letzt ihren Lebenstraum, den sie eigentlich schon begraben hatte wie so viele ihrer Sehnsüchte und Wünsche. Keine schlechte Statistik für einen hart gesottenen Angsthasen wie Magda, oder?

Und das alles nur, weil sie es schafft, das Gestern hinter sich zu lassen und das Heute zu genießen. Weil sie kapiert, dass jeder Mensch das Recht auf eine zweite Chance und auf Glück hat und dass es zwar nicht ungefährlich ist, sich zu verlieben, aber um so vieles aufregender, als immer mit einem emotionalen Sicherheitsgurt durchs Leben zu fahren.

Natürlich waren auch die Umstände für Magda. Sie war zur rechten Zeit am rechten Ort. Eine Portion Glück gehört eben immer dazu. Nicht jedem fällt schließlich ein kleiner Urlaub in einem französischen Luxushotel in den Schoß. Nicht auf jeden regnet es Sternenstaub aus dem Himmel über Paris. Und doch braucht es Mut, sich aus der sicheren Deckung des Alltags zu wagen und mit den Dingen zu brechen, die einen beinahe gebrochen hätten.

Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Roman „Nur leben ist schöner“ gekommen?

Das war am Urnengrab meines Vaters, das sich an der Wurzel einer Buche in dem Friedwald in Hessen befindet, in dem meine Geschichte teilweise spielt. Von den sieben Grabinhabern an diesem Baum, deren Namen alle auf einer braunen Plakette gedruckt stehen, sind bisher nur zwei tot. Mein Vater, der 1998 starb, und eine ältere Dame. Die dritte Grabstelle, die sie sich neben ihrem Ehemann hat reservieren lassen, gehört meiner Mutter, die anderen vier sind bereits vorgemerkt von Leuten, die vom Alter her eigentlich noch weit davon entfernt sind, an ihren Tod denken zu müssen. Mich hat interessiert, was passieren würde, wenn sich eine oder einer von ihnen auf die Suche nach den zukünftigen Nachbarn im Tode machen würde. Das fand ich spannend. Und kaum hatte ich das Buch fertig geschrieben, ist es genau zu solch einer Begegnung gekommen, als meine Mutter und ich an einem sonnigen Vormittag zum Grab meines Vaters spaziert sind: Eine der Frauen, die eines Tages neben meinen Eltern liegen wird, tauchte dort auf. Wir kamen ins Gespräch, sind sogar zusammen Mittagessen gegangen, und mir war die ganze Zeit so, als würde mein Buch plötzlich lebendig.

Warum haben Sie den Schauplatz Paris gewählt?

Paris ist einer meiner Sehnsuchtsorte, genau wie New York. Aber ich wollte meine Heldin nicht zu weit in die Ferne führen, deshalb habe ich mich für Frankreich entschieden. Sie sollte erstmal üben, klein anfangen. Die Liebesgeschichte zwischen meinem Mann und mir begann übrigens auch in Paris, als es uns vor vielen Jahren als Teilnehmer eines Französisch-Kurses unserer Universität an die Seine verschlagen.

Welche Figur aus Ihrem Roman würden Sie gern mal treffen?

Ich liebe Thaddäus Mahn, Magdas väterlichen Freund und ehemaligen Hotel-Concierge. Ich habe ein Faible für ältere Charmeure, die amüsant sind, angeregt plaudern können, formvollendete Manieren haben, die wissen, wie man eine Frau zu behandeln hat, und die ihre kleinen verschrobenen Ticks haben. Und Bea, die keine Ahnung von gutem Benehmen hat und somit das Gegenteil von Thaddäus darstellt, mag ich auch. Ihre Respektlosigkeit, ihre Ruhelosigkeit, ihre Lust, ihre Laster. Sie ist eine Frau mit unerfüllbaren Träumen, deren große Klappe es nicht schafft, darüber hinwegzutäuschen, dass sie ein ebenso großes Herz hat. Und Ana Blumenberg aus dem Taunus, eine weitere meiner Figuren, hat das Glück, den Beruf ausüben zu dürfen, den ich heute ergreifen würde, hätte ich noch mal die Wahl: Direktorin eines wundervollen Hotels.

Gibt es reale Vorbilder für die Protagonisten Ihres Romans?

Meine Heldin Magda Ziegler hat ein reales Vorbild. Nicht, was die Reise angeht, die sie unternimmt. Nicht, was ihren beruflichen Weg oder die Liebesbeziehung betrifft. Das ist Fiktion. Aber die Art und Weise, wie sie als Einzelkind bei sehr besorgten Eltern aufwächst, sehr behütet und kontrolliert, die kleine bescheidene Wohnung am Rande der Stadt, ihr Aussehen, die jeden Samstag frisch aufgedrehten Locken und die Stricksachen, die ihre Mutter für sie fertigt und die sie noch als Teenager trägt – das alles hat einen realen Bezug. Vor allem aber die symbiotische Beziehung zwischen der dominanten Mutter und ihrer duldsamen, nicht aufbegehrenden Tochter, das fast schon erpresserische Einfordern von Liebe und komplette Ignorieren von Magdas eigenen Bedürfnissen. Dafür stand eine enge Freundin Pate, die den ganzen Druck irgendwann nicht mehr ausgehalten hat, was mit einer Schussfahrt ins soziale Abseits endete und vor knapp zwei Jahren mit ihrem Tod unter sehr tragischen Umständen. Magda kriegt ein Happy End. Sie sollte es besser haben.

Was macht mehr Spaß? Drehbücher schreiben oder Romane schreiben?

Da bei Drehbüchern jeder mitredet und man als Autor immer froh ist, sein eigenes kleines Blumenbeet zu bewirtschaften (auch wenn die helfenden Hände des Gärtners in Form der Lektoren manchmal eingreifen, um Unkraut zu entfernen), liegt die Antwort klar auf der Hand: Romane. Romane. Und noch mal Romane.

Bei welchem historischen Ereignis wären Sie gerne dabei gewesen?

Woodstock 1969.

Wie beginnt für Sie ein perfekter Tag?

Mit Sonne und einer komplett weißen Seite im Kalender.

Ihr Lebensmotto?

Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus!

Und wenn das alles nicht hilft:

Gibt Schlimmeres!

Leonie Steinbergs Roman Nur Leben ist schöner ist im Mai erschienen.

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