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Liebling des Monats: Die Liebe zum Regen

Claire Hoffmann Cover

Unser Herzensbuch im April ist Die Liebe zum Regen, das wunderbare, vielschichtige, sensible, komische, warmherzige und einfach ganz besondere Debüt von Claire Hoffmann. Die Schauspielerin und Autorin erzählt in ihrem ersten Roman von Vera, in deren wohlgeordnetes Leben aus heiterem Himmel das Chaos einbricht. Hals über Kopf flüchtet Vera nach England – als Au-pair. Ziemlich gewagt, denn sie ist 57 Jahre alt und ihre Englischkenntnisse sind, gelinde gesagt, verschüttet. Doch auch in London ist die Welt alles andere als heil. Vera bekommt es mit drei höchst eigenwilligen Mädchen zu tun und entdeckt, dass die Familie ein Geheimnis hat. Dazu kommen ihre eigenen Wahrheiten, die sich auch nicht länger vertagen lassen. Claire Hoffmann hat mit Vera und den drei Mädchen unvergessliche und bezaubernde Figuren erschaffen, die unser Herz im Nu erobert haben. Und euch wird es genauso gehen, da sind wir sicher. Bis zum 20.04.2017 könnt ihr eines von drei Exemplaren gewinnen – schaut auf unserer Facebook-Seite vorbei oder verratet uns hier im Kommentarfeld, welchen Ort in London ihr liebt oder am liebsten einmal besuchen würdet!

Ihre ganz persönlichen Lieblingsorte verrät Claire Hoffmann jetzt für euch im Interview, außerdem, was sie von ihren Figuren gelernt hat, wo sie schreibt, was Lesen für sie bedeutet und noch viel mehr.

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Liebe Claire, worum geht es in deinem Roman?

Es geht um Vera, eine Frau im besten Alter, deren Leben in Stücke bricht und die nach London flüchtet, ausgerechnet als Au-pair. Obwohl sie weder besonders mutig noch erfahren mit Kindern ist. Sie landet in einer Familie mit drei Töchtern, ist aber zunächst so mit sich selbst beschäftigt, dass sie etwas Entscheidendes übersieht, nämlich, dass etwas in dieser Familie überhaupt nicht stimmt.

Claire Hoffmann

Was ist für Vera die größte Herausforderung in ihrer neuen Rolle als Au-pair?

Sicher die Unterschiedlichkeit der drei Mädchen, um die sie sich dort kümmern soll. Jede ist auf ihre Weise extrem. Zoë, die Kleine, hängt wie eine Klette an ihr und erdrückt sie fast mit ihrer Liebe, dazu ist sie enorm witzig. Die mittlere Tochter, Ruby, stellt sie vor große Rätsel, sie ist verschlossen und Vera braucht sehr viel Geduld, bis sie sich öffnet. Dann aber überrascht sie mit, ja, fast so etwas wie Weisheit. Amanda versucht das neue Au-pair mit den krudesten Mitteln zu vertreiben, aber auch sie hat ihre Gründe. Ich liebe aber auch die Passagen, wo Vera sich anstecken lässt von der Verrücktheit der Mädchen und selbst für Augenblicke zum Teenager mutiert. Vielleicht ist es komisch, das zu sagen, aber mir ist manchmal, als existierten meine Figuren irgendwo.

Welche Eigenschaften schätzt du an Vera am meisten?

Sie hat so einen etwas verqueren Charme und ich liebe ihre Selbstironie. Und natürlich hat sie ein gutes Herz. Es liegt eben bloß etwas weiter hinten im Gestrüpp versteckt. Ich mag es, wie sie sich selbst im Weg steht. Und sich dann doch ins Leben stürzt. Ihr ist vieles peinlich und einiges fällt ihr nicht leicht, später aber ist sie zu ganz erstaunlichen Dingen fähig.

Claire Hoffmann London

Hast du im Lauf des Schreibens etwas von deinen Figuren gelernt?

Ja, auf jeden Fall. Dass es sich lohnt, über den eigenen Schatten zu springen. Manchmal gerät man in eine Sackgasse, ohne es wirklich zu merken. Man entwickelt sich langsam in eine ungute Richtung, gewöhnt sich die falschen Dinge an oder vergisst, was einem wirklich wichtig ist. Ich glaube, es ist gut und wichtig, dass das Leben einem dann gern eine unsanfte Lektion erteilt. Indem es einen herauswirft aus der vermeintlichen Sicherheit, an die man sich klammert. Obwohl einem die  gar nicht guttut, vielleicht. So ist man gezwungen, seinen Horizont zu erweitern. Was niemals verkehrt sein kann.

Claire Hoffmann London

Gab es eine Szene, die dir am Herzen lag, die aber beim Überarbeiten nicht mehr ins Buch gepasst hat?

Bestimmt einige, aber ich finde das Schreiben ist ein Prozess, bei dem es im besten Fall so ist, dass man sich leichten Herzens verabschiedet, auch von Szenen oder Ideen, die einfach nicht mehr passen, weil sich die Geschichte weiterentwickelt hat. Manches kommt mir in der Rückschau sogar merkwürdig vor, oder falsch oder fremd, aber das kenne ich schon. Ich glaube, das ist ganz normal. Insofern: Nein, ich glaube hier und heute, das Buch ist genau so, wie ich es mir gewünscht habe, so wie ich es jetzt schreiben konnte und musste.

Claire Hoffmann London

Wie verbringst du am liebsten einen Regentag?

Oh, ich mag Wetter! Nieselregen ist mir der liebste, er erinnert mich immer sehr an Hamburg, wo ich aufgewachsen bin und heute noch zur Hälfte lebe. Ich finde, das Zitat von John Ruskin stimmt: »Sonnenschein ist köstlich, Regen erfrischt, Wind kräftigt, Schnee erheitert. Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur verschiedene Arten von gutem.« Also verbringe ich ihn am liebsten so: den Vormittag am Schreibtisch, idealerweise mit Blick in den Himmel, und dann, wenn ich mein Pensum geschafft habe, gehe ich spazieren. Idealerweise an einem Fluss oder am Meer, in einem Park oder durch Straßen, die ich mag, oder durch eine Landschaft oder Stadt, die ich noch nicht kenne. Dann in einem Café trocknen und später zuhause dem Geräusch des Regens lauschen und dabei lesen.

Claire Hoffmann London

Was magst du an England besonders?

Ich mag es, dass die Leute eigensinnig sind. Dass sie tolerant sind – und das hoffentlich auch bleiben. Die Selbstironie und den unglaublichen Witz der Leute. Ihre Begeisterung für Natur und Gärten und Pflanzen. Dass sie einander mit love ansprechen. Dass alle Klischees stimmen und es doch noch so viel mehr gibt. Ich habe eine innere Wunschfamilie und die besteht fast ausschließlich aus Engländern: Maggie Smith als Granny, Rupert Everett und Stephen Fry als Cousins, David Bowie als Vater, Aphra Behn und Virginia Woolf als Ahnen, Tilda Swinton wäre dabei, Stella Mc Cartney und und und.

Verrätst du uns deine Lieblingsorte in London?

Alles rund um die Themse. Die wundervollen Parks, den St. Katherine Docks Streetfood Market, den Charity Shop in der Nähe des British Museum, Fortnum & Mason. Den Ladies Pond in Hampstead Heath, den ich bisher nur auf Bildern und in der Vorstellung gesehen habe, werde ich beim nächsten Mal bestimmt besuchen.

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Du bist Schauspielerin und Romanautorin. War deine Erfahrung als Schauspielerin beim Schreiben hilfreich?

Unbedingt, ich glaube daran, dass ich mich in jeden Menschen hineinversetzen kann, eigentlich auch in andere Lebewesen. Ich glaube an die Macht der Fantasie und habe sie am eigenen Leib erfahren. Ich liebe Worte und habe schon immer intensiv mit Sprache gearbeitet. Doch das Schreiben empfinde ich als mindestens genauso aufregend wie das Spielen. Es ist harte Arbeit und zugleich hat es etwas von einem schwerelosen Wunder. Auch wenn es von außen so aussieht, als würde ich nur am Schreibtisch sitzen. In Wirklichkeit bin ich überall und hier und ganz weit weg …

Du schreibst Drehbücher und Romane. Wie unterscheidet sich das Schreiben?

Das, was für mich dabei wichtig ist, ist im Grunde das gleiche, dass ich Leidenschaft entwickeln kann und dass ich auf meine innere Stimme höre. Die ist der Gratmesser, der beste Freund (und an schlimmen Tagen auch der Feind). Drehbücher haben mehr mit Konstruktion zu tun, mit Puzzeln, mit dem was machbar und bezahlbar ist. Ich muss Gedanken und Gefühle in Handlung und in Bilder übersetzen. In ein Drehbuch gehört nur, was man sieht oder hört. Daraus muss sich alles erklären. Beim Roman geht es vielmehr um das Innenleben der Figuren und um Sprache. Ich bin beim Schreiben fast unendlich frei. Ich kann schreiben »und dann zerfiel die ganze Stadt zu Staub«, das ist bei der Drehbuchbesprechung erst mal ein Grund, sich die Haare zu raufen, oder zumindest den Special-Effects-Spezialisten zu rufen.

Claire Hoffmann London

Wie schreibst du? An bestimmten Orten, zu bestimmten Uhrzeiten, oder immer und überall?

Gewöhnlich schreibe ich gleich am Morgen an meinem Schreibtisch. Ich lese und überarbeite das am Vortag Geschriebene und schreibe dann so lange, bis ich geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe. Das kann schon mal den ganzen Tag dauern, an einem anderen Tag bin ich nach zwei Stunden fertig. Das ist aber selten und dann recherchiere ich noch oder lese oder schreibe etwas anderes, erledige Post und so weiter. Das kann etwas gefährlich sein, wenn man im Winter kaum ans Tageslicht kommt. Darum versuche ich das immer wieder zu variieren. Aber ich kann auch wunderbar an anderen Orten schreiben, auf dem Balkon einer Freundin, im Café oder im Ferienhaus. Und ganz besonders gut im Zug. Das ist für mich ideal, vor dem Fenster Abwechslung, ein gleichbleibender Ort, wie ein Kokon um mich herum, gerne Kopfhörer, auf denen nicht immer etwas läuft, manchmal reicht schon, dass die Leute denken, ich höre etwas … Dazu ab und zu die Frage, ob ich etwas trinken will, und, ganz wichtig, Störfaktoren. Das finde ich herrlich. Ich wünsche mir eine Bahncard 100 auf Lebenszeit, dann bräuchte ich kein Büro und wäre ungeheuer produktiv und jeden Tag woanders hin unterwegs …

Hast du Lieblingsbücher, Lieblingsautoren oder bevorzugte Leseorte?

Claire Hoffmann LondonWie viel Platz haben wir? Ich liebe Bücher, schon immer. Mein Vater brachte zu jeder Frage, jedem Ereignis Bücher mit. Mein Freund hatte früher einen Buchladen. Ich wüsste kaum, wo ich beginnen soll. Lesen kann ich überall. Ich lese sogar beim Gehen und die Anschläge an öffentlichen Gebäuden auf Reisen, selbst wenn ich die Sprache nicht kann. Es könnte ja sein, dass ich doch etwas verstehe. Ich lese Romane und Sachbücher, Untertitel (ich gucke viele Filme) und Lyrik und Newsletter und Programme von Theatern und Zeitungen und Bildschirmtext und ich versuche in der U-Bahn unauffällig zu erspähen, was die anderen gerade lesen. Ich mag alles, was mit Empathie und Fantasie, mit Gefühl und Charme und Witz und Geist geschrieben ist. Was mich überrascht und auch verstört, irritiert und anregt und bereichert.

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