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»Man muss jeder Figur die richtige Stimme verleihen«

Literaturübersetzen

In unseren Buchhandlungen stehen Bücher aus aller Welt – dass wir sie lesen können, verdanken wir den Literaturübersetzern. Ein unglaublich spannender Beruf, wie wir finden, und deshalb haben wir der Übersetzerin Janine Malz einige Fragen gestellt. Im Interview verrät sie, wie lange sie an einem Roman übersetzt, was ihr an ihrer Arbeit so große Freude macht und welche Bücher sie am liebsten übersetzt hätte.
Liebe Janine, du arbeitest als literarische Übersetzerin. Was findest du so spannend an deinem Beruf?

Ich empfinde es als großes Glück mich in meinem Beruf mit einer der schönsten Seiten des menschlichen Daseins beschäftigen zu können: dem Erzählen von Geschichten. Als Literaturübersetzerin habe ich die Möglichkeit, mich intensiv mit einem Werk auseinanderzusetzen. Es geht letztlich darum, den richtigen Ton zu treffen, sei es in den erzählten Passagen oder in den Dialogen. Man muss jeder Figur die richtige „Stimme“ verleihen, denn natürlich spricht ein englischer Adliger des 18. Jahrhunderts anders als ein Jungunternehmer aus dem Los Angeles des 21. Jahrhunderts. Es macht mir unheimlich Spaß, mich in die Erzählung hineinzudenken und so lange an den Formulierungen zu feilen, bis ein stimmiger deutscher Text herauskommt.

Ist es schwieriger, einen Roman zu übersetzen als einen Sachtext? 

Beide Textsorten sind auf ihre eigene Art anspruchsvoll, und natürlich gibt es eine enorme Bandbreite, sodass es schwer ist, allgemeine Aussagen zu treffen. Ich würde sagen, bei einem Roman besteht die Herausforderung eher darin, den Ton des Romans zu treffen und dem Autor eine adäquate Stimme im Deutschen zu verleihen, während bei Sachtexten das Recherchieren der korrekten Terminologie im Vordergrund steht (wobei natürlich auch Romane gespickt sein können von Fachbegriffen, je nachdem, in welchem Kontext die Erzählung angesiedelt ist). Generell gilt: Man kann einen Text nicht übersetzen, ohne ihn verstanden zu haben. Das ist eine nicht zu unterschätzende Aufgabe, denn ein Übersetzer muss sich innerhalb kürzester Zeit in ein ihm fremdes Fachgebiet einarbeiten. Dann steht man vor Fragen wie: Sind hier „Beton-Kastendurchlässe“ gemeint, die den Wasserlauf begrenzen? Was ist eine „Put-Option“? In welchem Zusammenhang verwende ich das Wort „Atomkraftwerk“, wann „Kernkraftwerk“? Hinzu kommt, dass es für verschiedene Dinge, ob materieller oder immaterieller Art, keine deutsche Entsprechung gibt, aber das ist ein eigenes Thema für sich.

Wie lange arbeitest du ungefähr an einem Roman?

An einem Roman mit rund 300 Seiten arbeite ich normalerweise ungefähr zwei Monate, das kommt aber ganz darauf an, wie anspruchsvoll die Erzählung ist. Je mehr Recherche erforderlich ist, um sich beispielsweise mit der Sprache (auch Dialekt, Jargon, Slang usw.) und den historischen, geografischen oder kulturellen Gegebenheiten einer bestimmten Epoche oder Region auseinanderzusetzen, desto mehr Zeit nimmt die Arbeit in Anspruch. Moshe Kahn beispielsweise, der kürzlich für seine herausragende Übersetzung des italienischen Jahrhundertromans Horcynus Orca ausgezeichnet wurde, hat insgesamt acht Jahre an der Übersetzung gearbeitet, sich aber über Jahrzehnte mit diesem knapp 1500 Seiten starken Werk auseinandergesetzt. In einem solchen Fall ist die Übersetzung im wahrsten Sinne des Wortes ein Lebenswerk und ein Glücksfall für die Literatur, denn ohne seine Leidenschaft und akribische Arbeit wäre dieser Schatz wohl nie gehoben worden.

Du übersetzt aus dem Englischen, Italienischen und Niederländischen. Aus welcher Sprache übersetzt du am liebsten und warum?

Mit den Sprachen geht es mir wie einer Mutter mit ihren Kindern. Ich liebe sie alle gleich, denn jede hat ihre Besonderheiten, ihren ganz eigenen Klang und weckt in mir unterschiedliche Empfindungen. Nichtsdestotrotz muss ich zugeben, dass das Italienische mir besonders nahe steht, was vielleicht daran liegt, dass ich längere Zeit in Italien gelebt habe und sich mit dem Klang der Sprache schöne Erinnerungen verknüpfen. Zum Übersetzen ist das Italienische womöglich jedoch die schwierigste meiner drei Sprachen, da sie teilweise recht vage hält, was im Deutschen – schon allein aufgrund unserer Grammatik – konkret benannt werden muss. „L’ignoto“ kann beispielsweise „das Unbekannte“ oder „der Unbekannte“ sein. Wenn ein italienischer Autor mit dieser Doppeldeutigkeit spielt, ist das im Deutschen nur schwer umzusetzen.

Welches Buch hättest du am liebsten übersetzt?

Puh, schwierige Frage, da fällt mir gleich eine ganze Fülle an Büchern ein. Also wenn ich es mir aussuchen könnte, dann vielleicht Roberto Savianos Gomorrha, einfach weil mich das Thema sehr interessiert. Andererseits fände ich zum Beispiel auch Alice im Wunderland sehr reizvoll, weil es bestimmt viel Spaß macht, sich kreativ auszutoben und ebenso fantasie- wie klangvolle Namen auszudenken. Ich empfinde große Hochachtung vor vielen übersetzerischen Leistungen, man denke nur an die Übersetzerin Erika Fuchs der Comics um Donald Duck, die mit ihrem sprachlichen Erfindungsreichtum und ihrem Wortwitz Generationen von Kindern geprägt hat.

Mehr über Janine erfahrt ihr auf ihrer Homepage www.janinemalz.de.

Foto: © Doris Breitenreuter

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