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Freitagskritik: Nur einen Horizont entfernt

Nur einen Horizont entfernt

Habt ihr schon einmal etwas getan, das euch leid tut? Und für das ihr gern jemanden um Verzeihung bitten würdet, doch irgendwie habt ihr den Moment verpasst? Dann geht es euch vielleicht wie mir. Und wie Hannah in Lori Nelson Spielmans neuem Roman.

Die Idee für den Roman hat mir sofort gefallen: In Nur einen Horizont entfernt bekommt die Protagonistin Hannah einen Brief von einer ehemaligen Schulkameradin, die ihr damals das Leben schwer gemacht hat und und sie nun um Vergebung bittet. Sie schickt ihr zwei kleine Steinchen. Einen soll Hannah zurückschicken – wenn sie bereit ist, ihr zu verzeihen. Und den zweiten Stein soll Hannah an jemanden schicken, den sie selbst um Verzeihung bitten möchte. Hannah muss an ihre Mutter denken, die sie seit seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen hat – und diese Erinnerung fordert schmerzhafte Gefühle zutage. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit setzt sich Hannah mit diesen Gefühlen auseinander. Und wie so oft in diesen Romanen (und ja auch im wirklichen Leben) ist das zwar alles andere als einfach, verändert aber Hannahs Leben und beeinflusst vor allem auch die Entscheidungen, die sie für ihre Zukunft treffen muss.

Eine schöne Idee, ein gutes Thema, zu einem Lieblingsbuch ist dieser Roman für mich aber nicht geworden. Das liegt vor allem an Hannah, die, ja, sympathisch ist, aber auch wahnsinnig naiv. Ihr Freund Michael ist von Anfang an ein unsensibler und egoistischer Mann, der überhaupt nicht zu ihr passt – als Leserin versteht man das sofort, leider muss man trotzdem noch über gefühlte Hunderte von Seiten lesen, wie Hannah sich mantra-artig vorsagt, dass sie mit Michael glücklich werden will. Auch ihr Verhalten ließ mich manchmal stutzen. Sie will endlich ihre Mutter wiedersehen, mit der Vergangenheit aufräumen – doch als Michael ihr davon abrät, kommt ihr erst mal nur eine schwache Zustimmung über die Lippen. Und ungeschminkt würde sie sich ihrem Michael übrigens auch nie zeigen. Ein bisschen mehr Eigenständigkeit bitte, liebe Hannah! So fällt mir die Identifikation schwer. Überhaupt braucht Hannah recht viel Anstoß, um sich mit ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Ihre Kollegin Jade und ihre Freundin Dorothy müssen sich richtig ins Zeug legen, damit Hannah über ihren Schatten springt. Vieles an dem Roman fand ich auch sehr klischeehaft – Hannahs böse Konkurrentin beim Fernsehen zum Beispiel (Hannah ist TV-Moderatorin), die wirklich durch und durch eine böse Hexe ist. Im Gegensatz zu Hannah natürlich, die ehrlich und menschlich ist und deshalb ihren Job verliert. Zum Glück kann sie gut backen (eine Eigenschaft, die Frauen in Liebesromanen momentan sehr oft zu haben scheinen), es zeichnet sich also eine neue berufliche Zukunft für sie ab.

Trotzdem: Die Idee für den Roman habe ich so noch nicht gelesen, und das Thema der Vergebung hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht. Es gibt einige großartige Figuren, die erwähnten Freundinnen Jade und Dorothy zum Beispiel, und vor allem RJ, der Winzer, den Hannah kennenlernt und der ihr hinreißende Briefe schreibt. Bis zum Happy End für Hannah und RJ gibt es aber noch einige Stolpersteine, die ich auch richtig überraschend fand. Trotz meiner Kritikpunkte habe ich das Buch auch ganz gelesen, Lori Nelson Spielman hat es doch geschafft, mich dafür genug zu packen. Für einen Nachmittag am See ist das Buch also genau das Richtige. Man kann ein wenig über Hannah den Kopf schütteln, sich in RJ verlieben und schon mal im Kopf durchgehen, wem man denn selbst so einen Stein schicken müsste …

Eileens Rezension zu Lori Nelson Spielmans erstem Roman Morgen kommt ein neuer Himmel findet ihr hier.

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