Kolumne
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Raus damit!

© Hunters Race/ Unsplash

Eigentlich ist alles gesagt zur Me-too-Debatte, doch es ist nie zu spät für einen Appell. Am Anfang, als das mit Harvey Weinstein losging, dachte ich noch, dass die jungen Damen vielleicht schlecht beraten wurden. Wieso erlaubten deren Agenten, dass das Vorstellungsgespräch nachts im Zimmer dieses dicken Mannes stattfand? Jeder schien zu wissen, was Weinstein mit jungen Frauen tat. Warum haben sie sich dennoch darauf eingelassen? Für eine Rolle? Dafür riskierten sie vergewaltigt zu werden?

Mir wurde erst später im Verlauf der vielen Debatten klar, dass alles immer wieder eine Frage der Macht ist. Die Spielregeln werden von demjenigen diktiert, der ganz oben sitzt und das ist meistens ein Mann. In fast allen Unternehmen der Welt, in jeder Branche. Zur Macht kommt physische Stärke und dabei sind Frauen oft die Verlierer. Ja, das alles sind Binsenweisheiten, aber sind sie dadurch weniger wahr? Die Me-too-Debatte hat gezeigt, dass es wichtig ist, dieses Missverhältnis anzuprangern und diejenigen zu bestrafen, die ihre Macht missbrauchen. Erst dadurch dringt in unser aller Bewusstsein, dass wir etwas ändern können und nicht schwach sind.

Ich gebe ein Beispiel, auch wenn es vielleicht hinkt. Vor vielen Jahren musste ich mich als junge Lektorin mit dem Regisseur Dieter Wedel treffen. Es ging um einen Roman zu seinem damals aktuellen Film und es hieß, ich müsse zu ihm nach Hause kommen. Ich wurde von einer älteren, sehr freundlichen Dame ins Wohnzimmer geleitet und traf einen Mann in Jogginghose mit kunstvoll toupierten Haaren. Sein faltiges Gesicht war ganz gelb, wahrscheinlich hatte er zu viel Selbstbräuner benutzt. Die freundliche Frau brachte Kaffee und setzte sich stumm zu uns. Lachend erklärte Herr Wedel, dass die Dame seine Ehefrau Nummer eins sei, sozusagen für die kalten Tage, haha. Ehefrau Nummer 2 lebe auf Mallorca und sei natürlich jünger, hübscher und heißer, haha. Ich erinnere mich nur noch an diese Szene, alles andere an diesem Nachmittag ist mir weggerutscht. Weil es mir bis heute peinlich ist, dass ich diese frauenverachtende Lebensweise nicht kommentiert habe. Ich schwieg, wahrscheinlich versuchte ich sogar ein freundliches Gesicht zu machen. Um diesen Mann nicht zu verärgern, aber vor allem, um meinen Job nicht zu riskieren. Klar, Wedel hat mir nichts getan und somit ist diese Geschichte nicht zu vergleichen mit dem, was die Frauen erlebt haben, die ihn nun anklagen. Ich möchte nur dazu auffordern, Männer anzuprangern, die dumme Sprüche machen, und sich zu wehren, wenn es gefährlich wird. Me too hat erneut den Boden dafür bereitet. Und auch wenn wir in den Chefetagen noch eine Minderheit sind, gibt es in den Unternehmen mehr und mehr einflussreiche Frauen, die das unterstützen.

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