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Freitagskritik: Tage wie Salz und Zucker

Shari Shattuck, Tage wie Salz und Zucker

Ich liebe Bücher mit außergewöhnlichen, schrägen Protagonisten. Als mir meine Kollegin von Ellen aus Shari Shattucks Roman Tage wie Salz und Zucker erzählte, war ich deshalb sofort neugierig.

Ellen ist unsichtbar. Nicht in einem übernatürlichen Sinn, wie ihr vielleicht jetzt denkt, nein, sie ist ein ganz normaler Mensch – bloß nimmt sie keiner wahr. Seit Jahren zieht sich Ellen, die zu viele Kilos und eine große Narbe im Gesicht hat, vor der Welt da draußen zurück. Das hat sie inzwischen so perfektioniert, dass die anderen Menschen und selbst ihre Katze nicht mehr merken, dass sie überhaupt da ist. Das Leben der anderen Menschen findet Ellen höchst spannend – solange sie keinen Kontakt zu ihnen haben muss. Wenn sie nicht gerade während der Nachtschicht in einem großen Supermarkt putzt, sitzt sie zuhause und beobachtet ihre Nachbarn, registriert und notiert minutiös ihre Gefühlsregungen, Erlebnisse und Geschichten. Was Ellen denkt und wie sie ihr Leben eingerichtet hat, das beschreibt Shari Shattuck so humorvoll und gleichzeitig einfühlsam, dass ich die sonderbare Ellen gleich ins Herz geschlossen habe.

Doch dann gerät Ellens Routine aus den Fugen, als sie sich eines Tages zu einer spontanen Einmischung hinreißen lässt. Eine Frau wird überfallen, und aus einem Impuls heraus stoppt Ellen den Täter. So lernt sie Temerity kennen. Temerity ist der erste Mensch seit Langem, der Ellen ganz unbefangen wahrnimmt – denn sie ist blind. Sie ist eine lebenslustige und fröhliche Musikerin, die die zögerliche Ellen aus der Reserve lockt und zum Dank zum Essen einlädt. Ellen ist verwirrt angesichts dieser großen Veränderung in ihrem Leben, aber auch aufgeregt. Als dann kurz darauf ein sehr wichtiger Brief an ihre Nachbarin versehentlich in ihrem Briefkasten landet, muss sie eine schwierige Entscheidung treffen: Soll sie wie gewohnt nichts tun – oder sich vielleicht noch einmal einmischen? Sie fragt Temerity um Rat, die sofort Feuer und Flamme und ist, das Leben der Nachbarin in die richtigen Bahnen zu lenken … Die Nachbarin bleibt nicht die Einzige, deren Glück Temerity und Ellen auf die Sprünge helfen. Die beiden ungleichen Freundinnen sind ein großartiges Team und geraten immer wieder in komische und rührende Situationen. Tamaritys Sarkasmus ist herrlich, und doch scheinen auch bei ihr die weichen Momente durch: Trotz ihrer Lebensfreude ist sie ein sehr einsamer Mensch, da ihre Umwelt meist sehr befangen auf ihre Blindheit reagiert. Und so werden die beiden Frauen zu Freundinnen, die einander viel mehr brauchen, als sie anfangs ahnen.

Ein wenig zu glatt für meinen Geschmack fällt das Ende aus. Wie Ellen allmählich ihre Scheu verliert und mehr mit anderen Menschen interagiert, hat mir gut gefallen. Dass sie dabei aber gleich auch noch feststellt, wie toll frisches Obst schmeckt, und sehr viel Gewicht verliert, ist dann doch etwas zu viel des Guten. Trotzdem ist Tage wie Salz und Zucker eine richtig schöne Freundschaftsgeschichte, bei der ich oft lachen musste und die wirklich Spaß gemacht hat. Von mir eine Empfehlung!

 

 

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