Allgemein
Schreibe einen Kommentar

Das Tantra-Geheimnis

 

Wenn von Tantra die Rede ist, führt das zu ganz unterschiedlichen Assoziationen und reicht von einer Lebensphilosophie bis hin zur Annahme, es handle sich hierbei um Orgiensex. Auch ich hatte keine genaue Vorstellung von alldem, stellte aber fest, es ist ein spannendes Thema und ermöglicht einen ganz anderen Zugang, um über Sexualität nachzudenken.

Denn ich habe mich mit jemandem getroffen, der Ahnung davon hat. Anna Mondry arbeitet als Tantramasseurin und räumt gern mit Vorurteilen auf. Ich wollte einfach mal wissen: Wie ist das denn wirklich mit diesem Tantra? Wie darf man sich das vorstellen, und welche Missverständnisse gibt es?

Aber lest selbst das Interview mit ihr:

Anna Mondry

Hi Anna, zu Beginn möchte ich dich gern unseren Lesern vorstellen. Du arbeitest seit zwei Jahren in Zürich als Tantramasseurin, lebst aber hier in München am Ammersee. Wie bist du zu Tantra gekommen?

Zunächst einmal ist es wichtig, dass es einen Unterschied zwischen Tantra und Tantramassagen gibt. Tantra ist eine Lebenseinstellung, die den Menschen in seiner Ganzheit sieht und akzeptiert. Das bedeutet, dass der Mensch gut so ist, wie er ist, und einfach nur sein darf. Tantrische Lehren gibt es im Buddhismus und Hinduismus. Yoga und Ayurveda gehören auch zu Tantra.

Bei der Tantramassage kommt die Berührung hinzu. Berührungen gehören zu unseren essenziellen Grundbedürfnissen und kommen meistens viel zu kurz, sowohl in Paar- als auch in familiären Beziehungen. Das Ziel der Tantramassage ist, ein allgemeines Wohlbefinden und die sexuelle Energie zum Fließen zu bringen. Der Mensch wird durch sinnliche und achtsame Berührungen in die Entspannung gebracht. Durch das Einbeziehen des ganzen Körpers, auch des Intimbereichs, der leider immer noch sehr tabuisiert wird, kann der Mensch sich als Ganzes spüren und dadurch einen orgastischen Zustand erreichen.

Ich bin zu Tantramassagen über einen Fernsehbericht gekommen. Es hat mich fasziniert, wie die Masseurin den Mann berührt hat. Dann habe ich den Tantramassage-Verband entdeckt und darüber die Zinnoberschule, bei der ich mir eine Tantramassage-Vorführung angesehen habe. Eine hochschwangere Frau hat eine andere Frau massiert. 15 Personen saßen im Kreis um sie herum und haben zugesehen. Anfangs war ich etwas irritiert, weil beide Frauen nackt waren und ich einfach nicht damit gerechnet hatte, dass eine hochschwangere Frau die Massage gibt, aber es war einfach toll. Man konnte richtig spüren, wie sich die Energie im Raum verändert hat, und ich wollte alles ganz genau sehen und bin permanent aufgestanden und habe es von allen Seiten betrachtet.

Danach folgte ein kurzes Gespräch mit der Masseurin und Leiterin der Zinnoberschule, und mir war klar: Das will ich lernen. Ich habe erst mal ein Urlaubsseminar gebucht und war danach total begeistert. Mein Verhältnis zu meinem Körper hat sich stark verändert. Ich gehe bewusster mit mir und anderen Mensch um und habe ein neues Bild von Sexualität bekommen. Es folgte eine komplette Ausbildung, und nun arbeite ich bereits seit zwei Jahren in Zürich im Dakini und auf Anfrage auch in München.

Kannst du etwas mehr darüber erzählen, welchen geschichtlichen Hintergrund es zu Tantramassagen gibt und was die Kernphilosophie ist?

Der indische Mystiker Osho hat Tantra in den 1980er-Jahren zu uns gebracht und verbreitet. Andro hat 1978 aus Tantra und verschiedenen Massagetechniken die Tantramassage entwickelt. Tantra-Massagen sind also noch gar nicht so alt.

Wie läuft eine klassische Tantramassage ab?

Die Tantramassage beginnt mit einem Ritual, bei dem es darum geht, den Menschen in seiner Ganzheit zu ehren.  Man begegnet sich immer auf Augenhöhe, das heißt, wenn der Massagegast nackt ist, bin ich es auch. Es folgt eine sinnliche Ganzkörpermassage, bei der vom kleinen Zeh bis zu den Haarspitzen alles miteinbezogen wird. Es gibt sanfte und feste, langsame und schnelle Berührungen. Die Genitalien werden auf natürliche Art und Weise miteinbezogen. Alle Sinne werden in der Massage angesprochen. Der Kunde/die Kundin kann aus dem aktiven Zustand, den wir meistens den ganzen Tag haben, in die Hingabe kommen und darf komplett rezeptiv sein. Gemeint ist, dass nur empfangen wird, bis eine tiefe Entspannung erreicht ist, bei der sich unter Umständen auch die orgastische Energie entfalten kann.

Darf ich noch mal nachfragen: Du bist also auch nackt? Kommt es da nicht zu Missverständnissen?

Ja, der Gast und ich sind beide nackt, das heißt aber nicht, dass er mich auch ungefragt anfassen darf. Erlaubt sind sogenannte geführte Berührungen: Ich nehme dann gern die Hand meiner Kunden und lege sie auf meinen Körper.

Und was ist mit Tantrasex?

Beim Tantrasex geht es auch darum, dass man mit einer verehrenden Grundhaltung dem Partner begegnet und sich vereint. Dabei versucht man, bewusst durch Rituale, Atmung, Bewegung und Töne die sexuelle Energie ins Fließen zu bringen und einen höheren, transzendenten Zustand zu erreichen.

Wer kommt zu dir, und welche Beweggründe haben deine Klienten, eine Tantramasseurin aufzusuchen?

Das ist wirklich unterschiedlich. Es kommen Frauen, die den Bezug zu ihrem Körper verloren haben, die sich endlich mal wieder richtig spüren oder ihr weibliches Potenzial erfahren wollen. Frauen, die noch nie einen Orgasmus hatten oder nicht wissen, was ihnen guttut. Es kommen junge Männer (Anfang 20), die ihren Körper entdecken möchten und ausprobieren wollen, wie sich eine Tantramassage anfühlt. Ich persönlich finde das sehr gut, weil sie dann gleich eine andere Form der Sexualität kennenlernen und hoffentlich bewusster und respektvoller mit Frauen umgehen. Es kommen aber auch ältere Männer, die viel beruflich unterwegs sind, Erektionsprobleme haben, verwitwet sind und sich nach körperlicher Nähe, Intimität und Berührung sehnen. Dann wiederum kommen Paare, die sich jeder einzeln eine Tantramassage gönnen oder gemeinsam ein Ritual buchen. Dabei gibt es immer einen, der empfängt, und der andere Partner gibt dann mit mir gemeinsam die Massage.

Kann man sagen, dass deine Sitzungen zum Teil auch einen sexualtherapeutischen Charakter haben?

Da ich die Grundhaltung »Der Mensch ist okay, wie er ist« habe, will ich mir nicht anmaßen, jemanden zu therapieren, was ja auch eine Diagnose voraussetzt. Ich merke allerdings, dass die innere Haltung, die Achtsamkeit und Präsenz sowie die Berührung viel bei den Menschen bewirken.

Wir leben in einer übersexualisierten Welt und sind alle scheinbar informiert. Aber trotzdem sagst du, dass du sehr viel Aufklärungsarbeit leisten musst. Mit welchen Vorurteilen musst du am häufigsten aufräumen?

Die Frage ist ja wohl: Wer hat uns informiert? Die Schule und meine Eltern waren es nicht, sondern eher die Bravo und später die Pornoindustrie. Wenn man diese Art der Sexualität für das Nonplusultra hält, wundert es mich nicht, dass Mann und Frau Probleme haben, sich in der Sexualität hinzugeben. Oft verspüren sie einen wahnsinnigen Leistungsdruck, der zu Orgasmusproblemen, Lustlosigkeit und Erektionsstörungen führen kann.

Es finden viele subtile Verletzungen statt, weil Männer und Frauen unterschiedlich ticken, aber das muss auch erst mal jedem klargemacht werden. Sexualität kann man lernen. Durch Techniken, die beispielsweise in einen lustvollen, orgastischen Zustand führen und  somit die Bindung zum Partner  vertiefen.

Du hast eine Ausbildung gemacht und dein Handwerk von der Pike auf gelernt. Was rätst du jemandem, der sich ebenfalls dafür interessiert und mehr darüber erfahren möchte?

Ich kann jedem nur raten, Kurse zu besuchen bei Schulen, die dem Tantramassage-Verband angehören, z.B. die Zinnoberschule. Es ist toll, seine Grenzen kennenzulernen und zu erweitern und in die Erforschung seines eigenen Körpers zu gehen. Es gibt wirklich viel zu entdecken.

Seit Neuestem gibst du auch ganz spezielle Kurse – erzähl doch mal, was einen da erwartet.

Seit Kurzem gibt es die sogenannten »Handarbeitskurse« in München. Über diese Workshops freue ich mich wirklich sehr, denn hier zeige ich Frauen Tipps und Tricks für die Intimmassage am Mann – natürlich nicht am lebenden Objekt. Es gibt hilfreiche Informationen und jede Menge Massagegriffe. Diese Abende hatten bisher immer eine lustige und entspannte Atmosphäre. Außerdem gibt es auch den »Handwerkerabend«, bei dem ich Männern die Intimmassage für die Frau beibringe – auch nicht am lebenden Objekt ;-).

Was würdest du dir für die Zukunft wünschen, wenn es um das Thema Sex in unserer Gesellschaft geht?

Einen bewussteren Umgang mit Sex – weg von der »Rein-raus-Mentalität« hin zu einem bewussten und achtsamen Umgang mit dem Partner und seinen Bedürfnissen.

Die Aufklärung im Schulunterricht sollte von externen Experten übernommen werden. Dabei sollten Mädchen und Jungen getrennt beraten werden, damit ein vertrauensvoller Raum für Fragen entstehen kann. ♦

Neugierig geworden? Auch bei uns im Verlag gibt es einige Bücher zum Thema Tantra, die ihr hier finden könnt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.