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The Making of »Geradeaus ist keine Himmelsrichtung«

Irene Zimmermann Cover

Irene Zimmermann ist bestimmt einigen Eltern als Jugendbuchautorin ein Begriff. Doch ihr neuer Roman handelt von erwachsenen Frauen, in deren Leben es jedoch nicht weniger wild zugeht:drei Freundinnen im besten Alter, die sich auf einen wunderbar chaotischer Roadtrip ins Glück begeben. Für Herzenszeilen haben sie und ihre Lektorin über den Prozess gesprochen, der diese bunte Geschichte zum Leben erweckte.


Eileen Sprenger:
Es kommt nicht oft vor, dass ich im Nachhinein mit einer Autorin über das Lektorat spreche, daher ist dies eine interessante Situation. Eine weitere Möglichkeit für mich, meine Autorin zu quälen – nur ein Scherz. Mit Ihnen an dieser Geschichte zu arbeiten hat mir unheimlich viel Spaß gemacht, und ich bin froh, dass wir die Möglichkeit hatten, so eng zusammenzuarbeiten. Das ist mir leider aus Zeitgründen nicht immer vergönnt. Zum einen fand ich es spannend, einige Aspekte der Handlung stärker herauszuarbeiten, zum anderen ist die Geschichte so komplex, dass es mir viel Spaß gemacht hat, diese – zugegeben recht ungewöhnliche – Situation durchzuspielen. Hoffentlich wird es uns nie passieren, dass wir alles stehen und liegen lassen müssen, um vor der Mafia zu fliehen J Wie kamen Sie überhaupt auf das Abenteuer Ihrer drei Heldinnen?

Irene Zimmermann: Liebe Frau Sprenger, jetzt sagen Sie bloß, dass es Ihnen noch nie passiert ist … das kennt doch fast jeder! Arglos öffnet man den Kofferraum (was ein bisschen mühsam ist, falls das Schloss hakt, aber umsonst gibt es eben nichts im Leben), und entdeckt dort eben mal 1,5 Millionen …

Nein, im Ernst, angefangen hat die Geschichte völlig harmlos. Aus heiterem Himmel – es war beim Sahneschlagen für einen Apfelkuchen – habe ich plötzlich Karola und Fränky bei ihrer Und weiter geht´s im Textersten Begegnung vor mir gesehen. Erste Hilfe, erster Kuss …  Währenddessen lief das Rührgerät auf voller Stufe, die Sahne wurde zu Butter, und ich wusste: Diese Geschichte muss ich schreiben.

Und so hat sich um diese Szene der Roman entwickelt. Manche Personen haben sich gleich in meinem Kopf eingenistet, andere, wie Giulia zum Beispiel, der anfangs nur eine Nebenrolle zugedacht war, wurden immer wichtiger.

Stück für Stück hat sich so die Geschichte entwickelt, manchmal auch ganz anders, als ich ursprünglich gedacht hatte. Einige Figuren haben ein Eigenleben geführt, andere dagegen freundlicherweise das gemacht, was ich von ihnen erwartet habe.

Interessant fand ich schon immer die Frage: „Was wäre, wenn …?“ Bei meinen drei Heldinnen wird daraus: „Was ist, wenn …“ Ich fand es spannend zu sehen, wie sie sich in dieser neuen Situation verhalten, wie sie sich verändern, wie sie sich aber auch treu bleiben.

ES: Wirklich? Es begann mit der Kussszene? Ich hätte schwören können, die Kofferraumszene war ausschlaggebend. Oder der Brathähnchenunfall. Aber nun seien Sie ehrlich, habe ich Sie sehr gequält während der Überarbeitung? Und wie schwer ist es, einen eigentlich fertig geglaubten Text noch einmal umschreiben zu müssen?


I.Z.:
Gequält? (Stirnrunzeln …) Nein, das würde ich auf keinen Fall sagen. Mein Schokoladenkonsum zur Frustbewältigung war jedenfalls überschaubar  😉 Ich finde es faszinierend, wie sich mit ein, zwei Stellschrauben eine völlig neue Wendung ergibt, die wiederum den Verlauf der Handlung entscheidend beeinflusst. Die Überarbeitung hat die Schwerpunkte im Text anders gesetzt, und das ist dem Roman rundum bekommen. Was mich in diesem Zusammenhang interessieren würde: Wie war denn Ihr erster Eindruck, als Sie den Text auf dem Schreibtisch liegen hatten?

ES: Ich glaube, mein erster Gedanke war: Das macht Spaß! Ich muss oft recht düstere, dramatische oder traurige Geschichten lesen, und vielleicht hat mich Ihr Manuskript gerade in einer Phase erwischt, wo ich etwas Aufschwung und Optimismus gebrauchen konnte. Jedenfalls hatte ich sofort Lust, mich mit den Dreien auf ihr absolut unmögliches Abenteuer einzulassen und bin bis heute sehr froh über die Entscheidung. Was den Text angeht, so habe ich glaube ich gedacht, wir sollten einige Szenen etwas beruhigen. Meistens geht das schon, wenn man Ausrufezeichen löscht und den Dialog etwas verkürzt. Aber gerade die Lebendigkeit der Figuren und Ihr Humor haben mich sofort gepackt.

Unterschied sich die Arbeit mit mir von Ihren früheren Erfahrungen im Jugendbuch?

I.Z.: Bei diesem Roman war die Arbeit sicherlich um einiges umfangreicher als bei einem Kinder- und Jugendbuch, wo ich mit über 30 Büchern sozusagen ein „alter Hase“ bin.

Irene Zimmermann Geradeaus ist keine Himmelsrichtung

Die puschelige Katze heißt Gipsy und ist bei Irene Zimmermann ab und zu in Verwöhnferien – deshalb diese beneidenswerte Tiefenentspannung.

ES: Wir haben ja drei Durchgänge gemacht: Zunächst ein sogenanntes „Plotlektorat“, d.h. Setting, Figurencharakterisierungen, Handlungsstränge kürzen oder ausbauen, lose Enden einsammeln … Dann folgte ein zweiter Durchgang, indem wir mehr in die Tiefe der Figuren und der Sprache gegangen sind, und zuletzt hat eine Redakteurin die sprachlichen Feinheiten erledigt. Wenn Sie zurückdenken, welcher Schritt ist Ihnen am schwersten gefallen? Oder am einfachsten? Was hat am meisten Spaß gemacht?

I.Z.: Am meisten Spaß gemacht hat eindeutig die Schärfung der Personen; nicht nur die Hauptpersonen, sondern auch Nebenfiguren wie Karolas Bruder wurden dadurch immer vertrauter.

Handlungsstränge auszubauen, mache ich gern. Ein bisschen fühle ich mich dann wie ein Maler, der hier und dort noch einen Farbtupfer dazu gibt. Weniger Spaß macht es zu kürzen. Nicht weil ich unbedingt an jedem Wort hänge, das ich schreibe. Aber ich muss sicher sein, dass der Handlungsstrang, den ich gestrichen habe, nicht hundert Seiten später nochmals aufgenommen wird. Das würde die Leser gewaltig irritieren.

Schwierig fand ich, bei der Komplexität des Stoffes (es geht ja auch um die Vergangenheit der Ich-Erzählerin) immer den Überblick zu bewahren. Da manches erst im Lauf der Handlung aufgedeckt wird, bin ich ein, zwei Mal frühmorgens aus dem Bett gesprungen mit der bangen Frage: Ist das auch alles logisch, wie ich es geschrieben habe? Aber dafür gibt es ja zum Glück eine tolle Lektorin, die mitdenkt. Frau Sprenger, verraten Sie uns dazu ein paar Tricks und Kniffe?

Irene Zimmermann Geradeaus ist keine HimmelsrichtungES: Oje, das will ich mir eigentlich nicht anmaßen. Jedes Buch ist anders, jeder Autor hat seinen eigenen Stil, jede Geschichte muss anderes erzählt werden. Es gibt jedoch ein Motto, das sich schon oft bewährt hat: Kenne deine Figuren. Ich habe mal mit einer Autorin gearbeitet, die mir erzählte, dass ihre Figuren manchmal mit ihr im Raum seien und wenn sie zu lange nicht mehr geschrieben habe, würden sie ungeduldig werden und sie im Alltag nerven. Das klingt erst mal verrückt, aber ihre Figuren waren wahnsinnig komplex und lebensnah. Es kann also nicht geschadet haben.

Darüber hinaus gibt es einen Grundsatz, den ein geschätzter Kollege von mir immer predigt und der – so ist es überliefert – ursprünglich von Stephen King stammen soll: Kein Dialog ohne Konflikt. Soll wohl heißen, dass ein Dialog nicht dafür da ist, um Informationen an den Leser zu übermitteln – das macht der Erzähltext. Dialog baut Spannungen auf und verarbeitet sie (thematisch, zwischen den Figuren …). Natürlich gibt es Ausnahmen, wenn ein Dialog zum Beispiel einen humoristischen Zweck verfolgt, aber generell würde ich sagen: Viel Dialog macht eine Geschichte nicht unbedingt lebendiger. Und zum Schluss natürlich: Vertraue deinem Lektor. Wir meinen es nur gut. 🙂 Meistens jedenfalls.

 

 

 

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