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Warten auf Sylvia und Jackson

Closer to you

Bis zum 12. Oktober müssen wir noch warten, dann erscheint endlich der erste Band der neuen Trilogie von J. Kenner. Gute Nachrichten für alle Fans: Die Autorin kehrt in die Welt von Nikki und Damien zurück – mit einem neuen aufregenden Paar: Sylvia und Jackson. Wenn ihr Dir vertrauen gelesen habt, seid ihr Jackson schon begegnet. Und wenn ihr jetzt neugierig auf Sylvia seid, lest hier schon vorab einen Auszug aus dem neuen Roman.

Leseprobe aus J. Kenner, Closer to you. Folge mir

Das knatternde Rotorengeräusch des Hubschraubers füllt meinen Kopf wie ein Flüstern; eine geheime Botschaft, der ich nicht entrinnen kann. Bitte nicht er, bitte nicht jetzt. Bitte nicht er, bitte nicht jetzt. 

Aber ich weiß verdammt genau, dass mein Flehen sinnlos, meine Worte vergeblich sind. Ich kann nicht davonlaufen. Ich kann mich nicht verstecken. Ich kann nur weitermachen wie bisher und mit halsbrecherischer Geschwindigkeit eine Hürde nach der anderen nehmen, auf Kollisionskurs mit einem Schicksal, von dem ich geglaubt hatte, ich sei ihm vor fünf Jahren entkommen. Mit einem Mann, den ich damals hinter mir gelassen hatte.

Ein Mann, von dem ich mir einrede, dass ich ihn nicht mehr will – nach dem ich mich jedoch in Wirklichkeit verzweifelt sehne.

Meine Finger klammern sich fester um die Ausgabe des Architectural Digest auf meinem Schoß. Ich muss gar nicht erst hinunterschauen, um den Mann auf dem Cover zu sehen. Sein Anblick ist mir noch heute genauso lebhaft vor Augen wie damals. Sein glänzendes schwarzes Haar, das in der Sonne leicht kupfern schimmert. Diese Augen, so blau und tiefgründig, dass man darin ertrinken könnte.

Die Abbildung auf dem Magazin zeigt ihn lässig auf der Ecke eines Schreibtischs sitzend. Die dunkelgraue Hose mit perfektem Faltenwurf. Das weiße Hemd frisch gebügelt. Die Manschettenknöpfe poliert. Hinter ihm ragt die Skyline von Manhattan empor, eingerahmt von einer Fensterwand. Er strahlt Selbstbewusstsein und Willenskraft aus, doch vor meinem geistigen Auge sehe ich noch mehr.

Ich sehe Sinnlichkeit und Sünde. Macht und Verführung. Ich sehe einen Mann mit geöffnetem Hemdkragen und locker sitzender Krawatte. Einen Mann, der sich in seiner Haut vollkommen wohlfühlt, der mit seiner Präsenz einen ganzen Raum füllt, sobald er ihn betritt.

Ich sehe den Mann, der mich wollte.

Ich sehe den Mann, der mir Furcht einflößte.

Jackson Steele.

Ich erinnere mich an das Gefühl von seiner Haut auf meiner. Ich erinnere mich sogar an seinen Geruch; ein Duft von Holz und Moschus mit einer rauchigen Note. Vor allem aber erinnere ich mich daran, wie er mich mit seinen Worten verführte. Wie ich mich bei ihm fühlte. Und selbst jetzt, da ich über dem Pazifik dahingleite, kann ich nicht leugnen, dass mich allein die Vorstellung, ihn womöglich wiederzusehen, geradezu elektrisiert.

Und genau das macht mir Angst.

Wie um das zu unterstreichen, macht der Hubschrauber plötzlich eine scharfe Drehung, sodass sich mir der Magen umdreht. Während ich mich mit einer Hand am Fenster abstütze, blicke ich auf das tiefblaue Indigo des Pazifiks unter mir und die gezackte Küstenlinie von Los Angeles in der Ferne.

»Wir befinden uns im Landeanflug, Miss Brooks«, teilt mir kurz darauf der Pilot mit, dessen Stimme kristallklar in meinen Kopfhörern ertönt. »Nur noch wenige Minuten.«

»Danke, Clark.«

Ich reise nur äußerst ungern mit dem Flugzeug, und noch weniger mag ich Hubschrauber. Vielleicht besitze ich eine zu lebhafte Fantasie, aber ich habe dabei ständig Horrorszenarien von irgendwelchen wichtigen Schrauben und Kabeln im Kopf, die sich unter der ständigen Bewegungslast dieser vibrierenden Maschinen lösen.

Ich habe mittlerweile akzeptiert, dass es sich nicht vermeiden lässt, ab und an mit dem Flugzeug oder dem Hubschrauber zu fliegen. Doch obwohl ich mich damit abgefunden und sogar einigermaßen meinen Frieden gemacht habe, bekomme ich bei Start und Landung immer noch Herzklopfen. Ich empfinde es nach wie vor als extrem beunruhigend und unnatürlich, wie die Erde immer höher zu steigen scheint, während man eigentlich auf den Boden zurast.

Nicht, dass ich den Boden sehen könnte. Soweit ich das beurteilen kann, befinden wir uns immer noch über offenem Meer. Doch als ich gerade Clark auf diesen Umstand hinweisen will, taucht im Fenster ein schmaler Streifen der Insel auf. Meine Insel. Allein der Anblick bringt mich zum Lächeln, und ich atme tief ein und aus, bis ich mich einigermaßen ruhig und gefasst fühle.

Natürlich gehört die Insel nicht wirklich mir – sondern meinem Boss, Damien Stark. Beziehungsweise der Ferienimmobilienfirma Stark Vacation Properties, die Teil des Bauunternehmens Stark Real Estate Development ist, welches wiederum zu Stark Holdings gehört, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft von Stark International – einem der erfolgreichsten Unternehmen der Welt, das von einem der mächtigsten Männer der Welt geführt wird.

In meiner Vorstellung jedoch gehört die Insel Santa Cortez mir. Die Insel, das Projekt und das ganze damit verbundene Potenzial.

Santa Cortez ist eine der kleineren Kanalinseln, die die kalifornische Küste säumen. Die kurz hinter Catalina gelegene Insel diente viele Jahre zusammen mit San Clemente als Stützpunkt der US-Marine. Anders als die Insel San Clemente jedoch, die noch heute von der Navy verwaltet wird und einen Armeestützpunkt, Baracken und diverse andere Einrichtungen beherbergt, ist Santa Cortez völlig unbebaut, da hier lediglich das Nahkampftraining und die Ausbildung an der Waffe stattfand. Zumindest hat man mir das erzählt. Die Navy ist nicht gerade für ihre offene Informationspolitik bekannt.

Vor einigen Monaten war ich in der Los Angeles Times auf einen kurzen Artikel über die Militärpräsenz in Kalifornien gestoßen. Der Verfasser erwähnte darin beide Inseln, merkte aber an, dass das Militär gerade dabei sei, seine Stellung auf Santa Cortez aufzugeben. Mehr stand nicht darin, aber ich hatte Stark den Artikel trotzdem mitgebracht.

»Vielleicht steht sie zum Verkauf. Falls ja, dachte ich, wir sollten rasch handeln.« Mit diesen Worten überreichte ich ihm den Zeitungsausschnitt, nachdem ich ihn zum weiteren Tagesablauf gebrieft hatte. Wir eilten gerade den Flur zum Konferenzraum hinunter, wo nicht weniger als zwölf Bankvorstände aus drei Ländern in Anwesenheit von Charles Maynard, Starks Anwalt, auf den Beginn eines seit Langem geplanten Steuer- und Investitionsstrategietreffens warteten.

»Ich weiß, dass Sie nach einem passenden Standort für ein Paar-Resort auf den Bahamas suchen«, fuhr ich fort, »aber da wir bislang keine geeignete Insel gefunden haben, dachte ich mir, dass ein gehobenes Feriendomizil für Familien unmittelbar vor der Küste Kaliforniens unter Umständen ein durchaus interessantes Geschäftsmodell sein könnte.«

Daraufhin hatte er das Papier genommen, es im Gehen überflogen und war vor dem Konferenzraum stehen geblieben. In den fünf Jahren, die ich für ihn arbeitete, hatte ich seine Gesichtsausdrücke zu deuten gelernt, aber in diesem Moment hatte ich nicht die leiseste Ahnung, was er dachte.

Wortlos gab er mir den Artikel zurück, bedeutete mir mit erhobenem Finger, dass ich auf ihn warten solle, und richtete beim Betreten des Raums sogleich das Wort an seine Geschäftspartner: »Meine Herren, ich muss mich entschuldigen, aber es ist etwas dazwischengekommen. Charles, wenn Sie so freundlich wären zu übernehmen?«

Ohne eine Antwort von Maynard oder ein zustimmendes Zeichen der Bankdirektoren abzuwarten, war er wieder zu mir auf den Flur hinausgetreten, absolut davon überzeugt, dass das Treffen auch ohne ihn reibungslos und nach seinen Vorstellungen verlaufen würde.

»Rufen Sie Nigel Galway im Pentagon an«, sagte er, als wir zurück zu seinem Büro gingen. »Sie finden ihn unter meinen persönlichen Kontakten. Sagen Sie ihm, dass ich erwäge, die Insel zu kaufen. Danach rufen Sie Aiden an. Er ist zu der Baustelle in Century City gefahren, um Trent bei einigen baulichen Problemen zu helfen. Fragen Sie ihn, ob er Zeit hat, sich mit uns zum Mittagessen im The Ivy zu treffen.«

»Oh«, rief ich aus und versuchte mich zu ordnen. »Mit uns?«

Aiden hinzuzuziehen leuchtete mir ein. Aiden Ward war der Vizepräsident von Stark Real Estate Development und betreute derzeit den Bau des Stark Plaza – drei Bürotürme unweit des Santa Monica Boulevard im Geschäfts- und Wohnbezirk Century City. Was mir jedoch nicht einleuchtete, war, weshalb Stark mich dabeihaben wollte, wenn er mich doch sonst einfach im Nachhinein über die wichtigsten Punkte informierte, die ich zur Nachbereitung eines Meetings brauchte.

»Wenn Sie die Projektleitung übernehmen wollen, fände ich es sinnvoll, wenn Sie beim ersten Meeting dabei wären.«

»Die Projektleitung?« Mir schwirrte der Kopf.

»Wenn Sie sich für Immobilienentwicklung und insbesondere kommerzielle Projekte interessieren, gibt es keinen besseren Mentor als Aiden. Natürlich wäre das mit Mehrarbeit verbunden, denn ich brauche Sie trotzdem im Büro. Aber Sie können so viel wie möglich delegieren. Ich glaube, Rachel würde ohnehin gerne ihre Stunden aufstocken«, fügte er in Bezug auf Rachel Peters, seine Wochenend-Assistentin, hinzu.

»Verwenden Sie Trents Geschäftsplan für das Bahamas-Angebot als Vorlage und erarbeiten Sie einen eigenen Entwurf samt Zeitplan.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Bis Mittag werden Sie das nicht schaffen, aber Sie können uns zumindest ein paar Ideen präsentieren.« Als seine Augen meine trafen, schien ein Lächeln darin auf. »Oder liege ich falsch mit meiner Annahme Ich dachte, Immobilien zählen zu Ihren besonderen Schwerpunkten, aber falls Sie kein Interesse haben, in eine Managerposition zu wechseln …«

»Nein!«, platzte es förmlich aus mir heraus, während ich meine Schultern straffte und den Rücken durchstreckte. »Nein. Ich meine, ja. Ja, ich möchte an dem Projekt arbeiten, Mr. Stark.« Vor allem wollte ich nicht hyperventilieren, allerdings schien das gerade fast unmöglich.

»Gut«, hatte er sich zufrieden gezeigt. Mittlerweile waren wir bei meinem Schreibtisch im Empfangsbereich vor seinem Büro angelangt. »Rufen Sie Nigel an. Arrangieren Sie das Mittagessen. Und dann sehen wir weiter.«

Dieses »Und dann sehen wir weiter« hatte mich mehr oder weniger direkt hierhergeführt. Und nun bin ich die offizielle Projektmanagerin für The Resort at Cortez, a Stark Vacation Property. Zumindest bin ich das heute.

Hoffentlich bin ich es morgen immer noch. Denn genau das ist die entscheidende Frage. Die Frage, ob die Neuigkeiten, die ich vor zwei Stunden erfahren habe, das Santa-Cortez-Projekt zu Fall bringen oder ob ich es doch noch retten kann – und damit auch meine aufstrebende Karriere im Immobiliensektor.

Der einzige Haken an der Sache ist, dass ich dazu Jackson Steeles Hilfe brauche. Mein Magen verkrampft sich, und ich versuche mir zu sagen, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Jackson wird mir helfen. Er muss, denn im Moment geht es mir einzig und allein um das Projekt.

Angesichts meiner ohnehin strapazierten Nerven bin ich dankbar, dass wenigstens unsere Landung glatt verläuft. Ich stecke das Magazin in meine Leder-Tote-Bag und warte. Sobald Clark die Tür öffnet, atme ich die frische Meeresluft tief ein und halte mein Gesicht in die Brise. Sofort geht es mir besser, als seien meine Sorgen und meine Reiseübelkeit in Anbetracht der überwältigenden Schönheit dieses Ortes wie weggeblasen.

Denn diese Insel ist eine wahre Schönheit. Schön und unberührt, mit heimischen Gräsern und Bäumen, naturbelassenen Dünen und perlweißen Stränden.

Was auch immer das Militär hier gemacht hat, hat offenbar keine Schäden an der Natur hinterlassen. Tatsächlich finden sich an dieser Stelle die einzigen Spuren menschlicher Zivilisation. Neben dem Landeplatz für zwei Hubschrauber gibt es noch eine Bootsanlegestelle, eine kleine Blechhütte zu Lagerzwecken und ein kleines Häuschen mit zwei Chemietoiletten. Außerdem einen Bobcat-Bagger, einen Generator und verschiedene Maschinenteile, die bereits verladen wurden, um alles für die Räumung der Insel vorzubereiten. Nicht zu vergessen die zwei Sicherheitskameras, die installiert wurden, um sowohl Stark International als auch der Versicherung Genüge zu tun.

Neben dem Hubschrauber, den Clark soeben gelandet hat steht ein zweiter Hubschrauber, hinter dem ein provisorischer Weg von diesem Gelände in das unberührte Innere der Insel führt. Und vermutlich zu Damien, seiner Frau Nikki und Wyatt Royce, dem Fotografen, den Damien engagiert hat, um Porträts seiner Frau am Strand sowie Fotos von der Insel vor Baubeginn zu schießen.

Während Clark bei dem Hubschrauber bleibt, gehe ich den Weg entlang. Bereits nach wenigen Schritten bereue ich, meinen Rock und meine High Heels in der Eile nicht wie geplant gegen Jeans und bequemere Schuhe eingetauscht zu haben. Der Boden ist felsig und uneben, und meine Schuhe sind am Ende bestimmt zerkratzt und ramponiert. Aber ich schätze, falls es mir gelingt, das Projekt zu retten, sind meine marineblauen Lieblings-High-Heels ein vergleichsweise geringer Preis.

Während der Boden sanft ansteigt und ich den kleinen Hügel erklimme, blicke ich hinab auf die Bucht, die sich an eine Felsgruppe schmiegt. Die Wellen schmettern gegen den Fels und lassen Wassertropfen hoch in die Luft stieben, die in der Sonne funkeln wie Diamanten. Am Strand sehe ich Damien Arm in Arm mit seiner Frau Nikki, die ihren Kopf an seine Schulter lehnt, und beide schauen auf das weite Meer hinaus.

Nikki und ich sind mittlerweile gut befreundet, und es ist nicht so, als ob ich die beiden noch nie zusammen gesehen hätte. Aber dieser Moment ist auf eine Art so liebevoll und intim, dass ich am liebsten umdrehen würde, um sie ungestört zu lassen. Doch ich habe keine Zeit zu verlieren und räuspere mich stattdessen laut, während ich weitergehe.

Mir ist natürlich klar, dass sie mich nicht hören können. Das tosende Geräusch der Brandung ist so laut, dass sie nicht einmal die Ankunft unseres Hubschraubers bemerkt haben; umso unwahrscheinlicher ist es, dass sie mein Räuspern bemerken.

Wie zum Beweis drückt Damien seine Lippen auf Nikkis Schläfen. Diese Geste berührt mich. Ich muss an das Magazin in meiner Tasche denken – und an das Bild des Mannes auf dem Cover. Dieser Mann hatte mich einst genauso geküsst, und bei der Erinnerung an das schmetterlingsgleiche Gefühl seiner Lippen auf meiner Haut fühle ich ein Brennen in den Augen. Ich rede mir ein, dass es vom Wind und der salzigen Gischt kommt, aber das stimmt natürlich nicht.

Es ist das Gefühl von Verlust und Bedauern. Und ja, auch Angst.

Die Angst, dass ich gerade die Tür zu etwas öffne, das ich mir sehnlichst wünsche, mit dem ich aber nicht umgehen kann.

Die Angst, dass ich es vor vielen Jahren ganz gewaltig vermasselt habe.

Und die bittere Gewissheit, dass wenn ich nicht ganz, ganz vorsichtig bin, die Mauer, die ich um mich herum aufgebaut habe, zu bröckeln beginnt und meine furchtbaren Geheimnisse ans Licht kommen.

© Verlagsgruppe Random House, 2015

Closer to you

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