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Wie die Bücher nach Deutschland kommen

Tagebuch Lektorin Verlagsarbeit

Der Oktober ist da, und für uns heißt das: Buchmessezeit. Fast eine ganze Woche lang geht es diese Woche in Frankfurt wieder nur ums Lesen. Neben dem Ausblick auf neue Bücher und spannende Autoren passiert in den Messehallen aber noch viel mehr: Jedes Jahr im Herbst trifft sich die internationale Buchbranche am Main und sorgt dafür, dass Bücher, die am anderen Ende der Welt geschrieben werden, ihren Weg zu uns nach Deutschland finden. 

Es gibt viele Gründe, warum ich die Buchmesse liebe, aber der wichtigste ist der: Nirgendwo sonst spüre ich so deutlich, wie eng Büchermenschen aus der ganzen Welt zusammenarbeiten, welche Brücken Bücher bauen, wie wertvoll unsere kulturelle Vielfalt ist. Lesen erweitert den Horizont – und oft noch viel mehr, wenn wir Texte lesen, die in einer anderen Sprache und einer anderen Kultur entstanden sind. Damit wir diese Bücher in den deutschen Buchhandlungen finden, muss ein deutschsprachiger Verlag auf sie aufmerksam werden. Hier kommen die großen internationalen Buchmessen in beispielsweise Frankfurt, London und Bologna ins Spiel. Wir Lektoren treffen dort auf Agenten und Verlagsmitarbeiter aus der ganzen Welt, die uns ihre neuen Buchprojekte vorstellen. Es gibt Literaturagenten, die sich darauf spezialisiert haben, Buchprojekte international anzubieten und zu verkaufen, und auch ausländische Verlage haben oft Mitarbeiter, die sich nur mit dem Verkauf von Übersetzungsrechten befassen. Sie alle kennen die unterschiedlichen Märkte sehr gut. Sie wissen, was in Deutschland gerade auf den Bestsellerlisten steht, welche Genres und Themen besonders beliebt sind – und welche ihrer Bücher auch bei uns ein großer Erfolg werden könnten. Ein Messetreffen ist oft der Auftakt für einen regelmäßigen Mailkontakt auch während des restlichen Jahres. So werden wir Lektoren im persönlichen Gespräch und durch stetige Updates darüber informiert, welche Bücher im Ausland die Bestsellerlisten stürmen oder neu auf den Markt kommen. Zusätzlich arbeiten wir noch mit Scouts, die unsere Augen und Ohren im Ausland sind (wenn ihr mehr über die Arbeit eines Literaturscouts wissen wollt, lest unser Interview mit Victoria aus London).

Wenn uns ein Buch neugierig gemacht hat, fangen wir an zu lesen – im Idealfall verstehen wir die Ausgangssprache, Englisch, Französisch oder Spanisch beispielsweise, oder es gibt Probeübersetzungen, die uns helfen, einen Eindruck zu bekommen. Auch arbeiten wir eng mit einem Netzwerk von Gutachtern und Übersetzern aus allen möglichen Sprachen zusammen, die wir bei der Beurteilung zu Rate ziehen können. Wie auch bei deutschen Büchern gilt es natürlich, die Qualität des Textes zu überprüfen. Ob das Buch für den deutschen Markt infrage kommt, hängt aber auch von anderen Faktoren ab, die mit den Erwartungen und Gewohnheiten der Leser zu tun haben. Englische Namen? Europäische Hauptstädte? Klar, kein Problem. Schauplätze wie New York, London oder Paris sind uns vertraut, wir haben Bilder im Kopf, können Straßennamen erkennen. Wenn aber ein Roman in Aserbaidschan spielt, sind wir erst einmal verunsichert. Oder schafft es der Text gerade, uns für diesen Schauplatz einzunehmen und zu begeistern? Wie viel Fremdheit wir aushalten, hängt auch damit zusammen, was wir als Leser suchen. Wer richtig schön in eine Liebesgeschichte versinken will, möchte sich vielleicht nicht erst lange mit schwer verständlichen Namen und unbekannten Schauplätzen auseinandersetzen. Wer aber gerade Lust hat, mehr über ein anderes Land zu erfahren, freut sich über den Einblick, den er erhält. Die Offenheit der Leser für Stoffe aus anderen Ländern wird auch von Trends gesteuert. Der schwedische Bestsellerautor Stieg Larsson ist dafür ein gutes Beispiel: Spätestens seit dem großen Erfolg seiner Bücher sind Spannungsstoffe aus Skandinavien sehr beliebt – und keiner stolpert mehr über schwedische Namen im Krimi.

Wenn ein deutschsprachiger Verlag sich für ein ausländisches Buch interessiert und dafür Potenzial auch hier bei uns sieht, versucht er sich die Übersetzungsrechte zu sichern. Gerade bei besonders spannenden Manuskripten gibt es meist mehr als einen Interessenten – dann müssen wir den Agenten oder ausländischen Verlag des Autors davon überzeugen, dass wir die beste Verlagsheimat für die deutsche Sprache sind und unsere Konkurrenten überbieten. Übersetzungsrechte sind unterschiedlich viel wert – wenn ich für einen großen Markt wie Deutschland, Österreich und Schweiz einkaufe, sind sie teurer als für einen kleinen. So kann auch der isländische Lektor die Übersetzungsrechte an dem nächsten großen amerikanischen Bestseller einkaufen – und rentabel arbeiten, obwohl es nur sehr wenige Menschen gibt, die potenziell ein isländisches Buch kaufen würden. Wenn es uns gelingt, das Buch für uns zu gewinnen, schließen wir mit dem Autor und seinen Repräsentanten einen Vertrag, der uns erlaubt, das Werk in die deutsche Sprache zu übersetzen und dann zu verkaufen. Wir bleiben weiterhin in Austausch mit dem Originalverlag und dem Autor, besprechen das Erscheinungsdatum, informieren ihn über unsere Marketingstrategie, er wiederum versorgt uns mit den aktuellsten Pressestimmen und Neuigkeiten zu dem Titel. Ich als Lektorin wiederum suche in der Zwischenzeit den passenden Übersetzer oder die passende Übersetzerin für das Buch, bespreche mit ihm oder ihr unter Umständen Textstellen, die schwer zu übertragen sind, und trage Sorge dafür, dass die Übersetzung dem Originaltext getreu gemacht wird. Einige weitere Stationen hier im Verlag muss das Buch noch durchlaufen, doch an dieser Stelle ist sein Weg schon fast geschafft: zum deutschen Leser.

 

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