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Will und Lou forever – Hier bleibt kein Auge trocken

Kinobesuch Moyes

Jojo Moyes hat uns mit ihrem Roman „Ein ganzes halbes Jahr“ in Louisas Welt entführt, die so tieftraurig und unglaublich romantisch war, dass eine Verfilmung dieses Welterfolges unmöglich schien. Davon hat sich in Hollywood natürlich niemand abschrecken lassen. Was aber, wenn Schauspieler, Dialoge, Schauplätze und Handlung den Zauber der Lektüre nicht einfangen und die Aneinanderreihung von kitschigen Bildern und Sätzen alles zerstören würde?

Als ich meine Kolleginnen Theresa und Duygu heute morgen in der Kaffeeküche traf, merkte ich gleich, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist los?“, fragte ich Theresa, die versonnen in ihrer Tasse rührte.

„Wir waren gestern in dem Film.“

„Welcher Film?“

„Ein ganzes halbes Jahr“, war die einsilbige Antwort, und Duygu nickte nur stumm.

„Ja und, wie war’s?“, ich blickte von einer zur anderen. „Wolltet ihr darüber nicht eine Filmkritik schreiben?“

Theresa sah Duygu an und wie aus einem Mund sagten sie traurig: „Nein, das geht nicht!“

„O je, so schrecklich?“

Noch bevor ich eine kritische Analyse von der Unmöglichkeit von Literaturverfilmungen zum besten geben konnte, antwortete Theresa mit leiser Stimme: „Nein, das Gegenteil ist der Fall. Der Film war großartig, wir sind immer noch ganz überwältigt und wissen nicht, wie wir das in Worte fassen können.“

„Mögt ihr wenigstens ein bisschen erzählen?“, fragte ich. Kopfnicken von beiden Seiten – und ihren Bericht gebe ich nun zu Protokoll.

Es folgte eine Hymne auf die zauberhafte Darstellerin Emilia Clarke, die sich auf einen jungen Mann einlässt, grandios gespielt von Sam Claflin, der durch einen Unfall vom Hals abwärts gelähmt ist und mit dem Leben abgeschlossen hat. Millionen von Lesern wissen, dass die sich langsam entwickelnde Liebe zwischen Lou und Will keine Chance hat. Aber der Film schafft es, dass die Zuschauer hoffen, es möge doch noch anders ausgehen. Theresa und Duygu sind sich einig, dass es gerade die kleinen unbedeutend erscheinenden Szenen sind, in denen die Gefühle, die beide füreinander empfinden so echt, so berührend dargestellt werden, dass wirklich jeder im Kinosaal das Taschentuch herauskramen muss. Zum Beispiel als Lou und Will ein Konzert besuchen und sie entdeckt, dass sich das Preisschild noch an seinem Hemd befindet. Kurzentschlossen und weil sie natürlich keine Schere dabei hat, beißt sie das Schild ab und berührt dabei seinen Hals und er spürt ihren Atem. Es ist ein Moment voller Zauber und Spannung. Als Lou dann sagt: „Zum Glück war das Preisschild nicht in deiner Hose“, lachen alle im Saal, schlucken die Tränen hinunter und werden diese Szene nicht mehr vergessen.

Oder als Lou Will rasiert, behutsam, voller Hingabe, legt sie sein Gesicht frei und sieht nach getaner Arbeit zum ersten Mal seine Grübchen, die durch sein Lächeln entstehen, das er gut versteckt hatte. Es ist eine Kunst, diese großen Gefühle auf die Leinwand zu kriegen ohne kitschig zu werden. Erst wenn der Zuschauer sich zusammen mit Lou über Wills Vertrauen zu ihr mitfreuen kann, hat der Regisseur einen guten Job gemacht.

Duygu und Theresa sind sich einig, dass der Regisseurin Thea Sharrock dieses Kunststück gelungen ist. Die beiden wissen nicht mehr genau, wann sie so richtig doll geweint haben. Etwas verlegen geben sie zu, dass sie eigentlich die ganze Zeit mit den Tränen kämpfen mussten, weil alles so schön und gleichzeitg traurig war.

„Und wann küssen sich Lou und Will zum ersten Mal?“, frage ich, in der Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch etwas kritisches sagen.

Sie erzählen, dass der wichtige, alles entscheidende Kuss, der während eines Gewitters erst fast am Ende des Films kommt, noch mal alle Herzen der Kinogänger höher schlagen ließ. So wahrhaftig wie traurigschön in Großaufnahme. Dieser Kuss wird Louisa ein Leben lang an Will erinnern, auch wenn ihre Liebe nicht stark genug ist, um ihn zu heilen.

Tja, denke ich und bin nun selbst ganz ergriffen. Das ist der Stoff aus dem Geschichten gemacht sind, die wir nie vergessen. Glückwunsch an Autorin und Regisseurin und danke Theresa und Duygu, dass ihr so lebendig erzählt habt. Heute Abend schaue ich mir den Film an.

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