Kolumne
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Zeichen und Wunder

Es gibt sie ja: Menschen, die nicht lesen. Meine Schwester zum Beispiel gehört dazu. Während ich mich unsere ganze Kindheit lang nirgendwo wohler fühlte als in einer Bibliothek und zuhause mein Bücherregal wie einen Schatz hütete, konnte sie ein Buch nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Als ich älter wurde, leuchtete mir neben dem Spaß auch der Sinn des Lesens völlig ein, und ich – ganz große Schwester – beschenkte sie regelmäßig zu Geburtstag, Weihnachten und Ostern mit Kinder- und Jugendbüchern. Alle von Herzen ausgewählt, war ich doch überzeugt, dass sie einfach noch nicht die richtige Lektüre gefunden hatte. Die Geschenke wurden mit einem Seufzen ausgepackt, mit einem gequälten Lächeln begutachtet und verschwanden im Regal, um zu verstauben. Irgendwann, meine Schwester war inzwischen ein Teenager, gab ich auf. Keine Geschenke, keine Anspielungen, keine Versuche mehr. Wenn sie sich unbedingt um das Glück des Lesens bringen wollte, gut! Ich wollte ihr dabei nicht mehr im Weg stehen, immerhin war sie fast erwachsen. Von außen betrachtet zumindest schien ihr Leben auch ganz in Ordnung zu sein, ohne Bücher, irgendwie. So vergingen die Jahre, und dann neulich diese Mail aus dem Urlaub: „Caro, stell dir vor, ich hab ein Buch gelesen.“ Die beste Freundin hatte es ihr geliehen, ob ich schon einmal davon gehört hätte, Ein ganzes halbes Jahr? Sie hätte es gelesen, ja sogar ganz (diese Verdeutlichung schien ihr wichtig), und es hätte Spaß gemacht. Ich musste schmunzeln, hielt es aber noch für einen Ausrutscher, da war die Freundin, der Urlaub. Bis ich meine Schwester neulich besuchte. Und was sah ich da auf ihrem Nachttisch? Ein ganz neues Leben. Ein Hardcover für fast 20 Euro, höchstpersönlich gekauft von meiner Schwester, ehemals Nicht-Leserin. Danke, Jojo Moyes!

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